Zu Senecas rhetorischer Strategie gehört auch, dass sie kontrafaktisch vorgeht. Wolfgang Müller-Funk erklärt: „So preist der Philosoph des beginnenden Neronischen Zeitalters die vorgebliche Milde des neuen Cäsaren, wohl wissend, dass dieser mit der Ermordung des Bruders und rechtmäßigen Thronnachfolgers Britannicus seine Gewaltbereitschaft bereits bewiesen hatte.“ Von Anfang an operiert Senecas Buch über die „clementia“ mit klaren Gegenüberstellungen, etwa in § 1.2, wenn der tyrannische Machthaber zur Sprache kommt, der durch gezielte Grausamkeit seine Untertanen einschüchtern und damit seine Herrschaft sichern will. Immerhin wird dabei auf einen so gängigen wie verstohlenen Herrschaftsdiskurs verwiesen. Wolfgang Müller-Funk war Professor für Kulturwissenschaften in Wien und Birmingham und u.a. Fellow an der New School for Social Research in New York und am IWM in Wien.
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Passende Bücher bei Amazon findenImmer neue Konflikte sichern die Macht von Potentaten
In diese fiktive Rede scheint wiederum, wenn auch versteckt, eine dialogische Struktur eingelassen zu sein. Wolfgang Müller-Funk erläutert: „Seneca operiert mit einem doppelten Boden, stellt er doch Nero einen namenlosen Tyrannen als abschreckendes Beispiel vor Augen und suggeriert, dass Nero das Gegenstück zu diesem Potentaten sein möchte.“ Gleichzeitig scheint der Berater zu dem jungen Herrscher sagen zu wollen: Willst du wirklich ein so grausamer Tyrann werden, wie ich ihn im gesamten Text beschreibe?
Seneca hält Nero gleichsam einen Spiegel vor, um dessen Narzissmus in eine andere Richtung zu lenken als die des grausamen Herrschers, der im Spiegelbild auftaucht. Wolfgang Müller-Funk ergänzt: „Als Gegenstück und Komplement zum Herrscher ist in diesem Zusammenhang auch das Verständnis der Masse aufschlussreich.“ Diese bildet doch gleichsam das Biotop uneingeschränkter Herrschaft. Denn um seine Macht sicherzustellen, müssen immer aufs Neue – das gilt von der Antike bis zu den postmodernen Potentaten der illiberalen Demokratie – Konflikte vom Zaun gebrochen werden
Eine absolute Herrschaft unterliegt keiner äußeren Kontrollee
In der permanenten Aggression gegen andere, im Medienspektakel und in der durch sie sichtbar werdenden Grausamkeit verschmilzt schon in der Antike der Potentat mit der von ihm beherrschten Masse. Wolfgang Müller-Funk stellt fest: „Womöglich aus taktischen Gründen konzediert und attestiert Seneca dem antiken Herrscher im Allgemeinen, Nero im Besonderen absolute Macht, appelliert aber an diesen, maßvoll mit ihr umzugehen.“ Zu den Hypertrophien der absoluten Macht gehört dem antiken Autor zufolge die unkontrollierte Herrschaft über Leben und Tod der Untertanen und ganzer Völker sowie der willkürliche Gebrauch und Einsatz von Waffengewalt.
Ein gewisser Widerspruch bleibt an dieser Stelle unübersehbar, denn wenn Herrschaft „absolut“ ist, dann unterliegt sich auch keiner äußeren Kontrolle, und wenn sie kontrolliert ist, dann ist sie nicht absolut. Wolfgang Müller-Funk weiß: „Der Philosoph löst diesen Widerspruch dadurch auf, dass er an die Stelle einer äußeren Kontrolle, wie sie etwa im Zeitalter der römischen „res publica“ gegeben war, eine innere Kontrolle setzt, die im Idealfall die äußere überflüssig macht.“ Quelle: „Crudelitas“ von Wolfgang Müller-Funk
Von Hans Klumbies
