Wer in einen Streit verwickelt ist, erhebt die Stimme, um ihr Geltung zu verschaffen. Die Gemütslage ist erhitzt, die Gesichtsmuskeln sind angespannt. Svenja Flasspöhler ergänzt: „Die Hände liegen nicht ruhig auf dem Tisch, sondern sind Teil des Gefechts, verleihen den emotional vorgebrachten Worten zusätzlich Kraft. Kurzum: Ein Streit ist nie frei von Herrschaft.“ Hier geht es um Macht, weil Menschen, die wirklich und wahrhaft streiten, einander gerade nicht verstehen. Hier prallen grundverschiedene Seinsweisen, gar Weltbilder aufeinander. Jürgen Habermas geht davon aus, dass wir, wenn die idealen Bedingungen eines herrschaftsfreien Diskurses gegeben sind, qua Vernunft erkennen, dass wir bestimmte Werte und Normen teilen und so zu einem Konsens finden. Doch wie sich an gegenwärtigen Großkrisen zeigt, ist das längst nicht immer der Fall. Svenja Flasspöhler ist promovierte Philosophin und Chefredakteurin des Philosophie Magazins.
Beim Streit stelle ich meine Perspektive gegen eine andere
Ist es moralisch und politisch legitim, Waffenlieferungen an die Ukraine zu kritisieren? Migration zu begrenzen? An solchen Fragen scheiden sich die Geister, spalten sich Familien, scheitern Freundschaften. Svenja Flasspöhler kennt einen Grund: „Man begreift schlicht nicht, wie der andere so denken kann, wie er denkt. Und man hält dieses andere Denken für derart falsch und fatal, dass es so nicht stehen bleiben kann. Ergo muss es, auch wenn es hart klingt, zu Fall gebracht werden.“ Natürlich kann es sein, dass nach einem ersten heftigen Streit doch noch der Weg des Diskurses beschritten wird.
Doch es ist ebenso möglich, dass die Positionen unversöhnt bleiben, sic der Streit als nicht durch „kommunikative Rationalität“ auflöst, wie Jürgen Habermas es formuliert. Svenja Flasspöhler betont: „Zu streiten heißt also im Kern dies: dass ich meine Perspektive gegen eine andere stelle. Voraussetzung dafür ist, dass ich meine Sichtweise für richtig und die andere für falsch oder mindestens für fatal unterkomplex halte und das unmissverständlich zum Ausdruck bringe.“
Der Diskurs ist ein besonnenes Denken
Um zu streiten, muss ich also jemandem ins Gesicht sagen können: Ich habe recht und du nicht. Svenja Flasspöhler erläutert: „Ohne die Entgegensetzung gäbe es schlicht keinen Streit, sondern vielmehr ein suchendes Gespräch, einen „discursus“, was übersetzt „Umherlaufen“ bedeutet.“ Der Diskurs ist ein besonnenes, wandelndes Denken, das sich durch die Fähigkeit auszeichnet, die eigene Position zu verlassen oder eine solche erst gar nicht zu besitzen. Die Sokratischen Dialoge sind für die Dynamik des Diskurses paradigmatisch.
Sokrates hat mit den Athener Bürgern, die er in lange Gespräche über Tugend, Krieg oder Pädagogik verwickelte, nicht im eigentlichen Sinn gestritten. Svenja Flasspöhler weiß: „Er hat mit ihnen gemeinsam ein Für und Wider erörtert und auf diese Weise falsche Gewissheiten erschüttert. Die Grundhaltung des Sokrates lautete: Ich weiß, dass ich nicht weiß.“ Wer das Nichtwissen zum Prinzip erhebt, kann hervorragend dialektisch denken, aber nicht wirklich streiten. Quelle: „Streiten“ von Svenja Flasspöhler
Von Hans Klumbies
