Die Wiedervereinigung machte Deutschland zur Großmacht

Mit der Wiedervereinigung von 1990 hat sich die Bundesrepublik verändert. Sie ist territorial größer und bevölkerungsreicher geworden. Und gleichsam über Nacht ist dieses neue Deutschland, die Berliner Republik, in die Rolle einer kontinentalen Großmacht mit weltpolitischem Gewicht gerutscht. Auch die Selbstdarstellung der Bundesrepublik Deutschland wandelte sich allmählich. Dadurch machten sich in Europa Ängste breit, wie dieser bis dahin relativ „gütige Hegemon“ agieren werde. Edgar Wolfrum fügt hinzu: „Gleichzeitig wiesen weltweite Umfragen darauf hin, dass Deutschland zum beliebtesten Land der Welt geworden sei, eine Entwicklung, die 1945 völlig unvorstellbar gewesen war.“ Auf dem Land selbst lasteten die Probleme der „inneren Einheit“. Deutschland war ein zwischen Ost und West gespaltenes Land. Edgar Wolfrum ist Inhaber des Lehrstuhls für Zeitgeschichte an der Universität Heidelberg.

Die deutsche Frage war mit der Wiedervereinigung gelöst

Zudem breitete sich ein Pessimismus in der Mitte der Gesellschaft aus, der die Republik zu beschädigen drohte. Die Wiedervereinigung Deutschlands am 3. Oktober 1990 bedeutete die Lösung des Jahrhundertproblems der deutschen Frage. Drei Dinge waren dadurch geklärt. Erstens wo Deutschland lag und wo seine Grenzen verliefen. Zweitens die alte Frage, ob im Zweifel Freiheit oder Einheit der Vorrang gebührte. Denn nun gab es eine Wiedervereinigung in Frieden und Freiheit.

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Drittens war Deutschland kein Problem der europäischen Sicherheit mehr. Es war in der Europäischen Union (EU), in der NATO und in viele andere Organisationen supranational eingebunden. Die alte deutsche Krankheit, ein Schwanken zwischen Ost und West, war kuriert. Der neue deutsche Nationalismus war mehrheitlich weder stolzgeschwellt noch wild oder arrogant. Aber er war dennoch schwierig und gelangte als das Negativ eines überbordenden Nationalgefühls zum Ausdruck. Das deutsche Selbstbild, so sahen es internationale Beobachter 2018, lud zum „Merkeln“ ein.

Die Außenwahrnehmung Deutschlands war ambivalent

Unter „Merkeln“ versteht man ein Durchlavieren in der deutschen Politik, ein Zeitschinden, eine Entscheidungsvermeidung. Diese Strategien hat die Bundeskanzlerin Angela Merkel perfektioniert. Die stärkste Nation Europas habe sich, so das Fazit der internationalen Beobachter, erfolgreich eingehaust und werde ihrer Verantwortung nicht gerecht. Die Ambivalenz der Außenwahrnehmung Deutschlands war enorm. Auf der einen Seite standen jene, die seine Leistungen bewunderten und Deutschlands gleichsam missionarische Rolle für Europa priesen.

Auf der anderen Seite standen diejenigen, die vor einer Dominanz Deutschlands warnten und dabei eine neue unheilvolle „deutsche Frage“ kommen sahen. Dazwischen gab es alle erdenklichen Schattierungen der einen wie der anderen Sichtweise. Die größten Bewunderer Deutschlands kamen ausgerechnet aus jenen Ländern, in denen die öffentliche Meinung nicht eben deutschlandfreundlich war: aus Großbritannien und Italien. Selbst in Israel hatte das Deutschlandbild nach der Wiedervereinigung eine Aufwertung erfahren. Quelle: „Der Aufsteiger“ von Edgar Wolfrum

Von Hans Klumbies