Die Ostsee ist das das dreckigste Meer der Welt

Dirk Steffens und Fritz Habekuss blicken zurück: „Historische Transformationen wie die Abschaffung der Sklaverei oder die Installation einer hygienischen Wasserversorgung mussten verschiedene Phasen durchlaufen, bis sie zu ihrem Ziel gelangten.“ Der Prozess kann an vielen Stellen im System unterschiedlich schnell ablaufen und auch jederzeit wieder in eine frühere Phase kippen. Zu verschiedenen Zeitpunkten spielen jeweils andere Akteure die entscheidenden Rollen. Allein in Europa, so schätzt das Umweltprogramm der Vereinten Nationen, gehen jährlich rund 25.000 Netze verloren, die dann als tödlicher Müll viele Jahre lang durch die Meere treiben. In ihrem Buch „Über Leben“ erzählen der Moderator der Dokumentationsreihe „Terra X“ Dirk Steffens und Fritz Habekuss, der als Redakteur bei der „ZEIT“ arbeitet, von der Vielfalt der Natur und der Schönheit der Erde.

Am Grund der Ostsee gibt es gewaltige Todeszonen

Die Ostsee ist ein flaches und schmales Meer. Wegen ihrer besonderen Topografie dauert die Wasseraustausch hier länger als anderswo. Dirk Steffens und Fritz Habekuss wissen: „Und weil an ihren Küsten besonders viele besonders wohlhabende Menschen wohnen, die besonders viel Handel treiben und besonders viele Güter herstellen, ist die Ostsee das dreckigste Meer der Welt.“ Rund 90 Millionen Menschen in neun Anrainerstaaten leiten Abwässer aus Kläranlagen, Fabriken, Städten und Ställen ein.

Dazu, noch gravierender, all die Gülle, den Dünger und den Boden, die von Äckern und Feldern in Bäche und Flüsse gespült werden. Dirk Steffens und Fritz Habekuss erklären: „Diese Nährstoffe – vor allem Phosphor und Nitrat – sind Kraftnahrung für Algen. Wenn sie am Ende ihres Lebens zu Boden sinken, werden sie von Bakterien zersetzt. Diese verbrauchen dabei Sauerstoff, und dann entstehen am Grund gewaltige Todeszonen.“ Im Jahr 2018 hatten sie die Größe von Dänemark. In diesen Zonen kann kein höheres Lebewesen existieren, kein Fisch, keine Wasserpflanze, kein Krebs, keine Muschel.

Die Meere werden als Müllkippen missbraucht

In der Ostsee ist das Problem besonders sichtbar, aber alle Meere haben es. Die Verschmutzung ist einer der großen Treiber von Biodiversitätsverlust. Dirk Steffens und Fritz Habekuss erläutern: „Weltweit ist die Wasserqualität in den vergangenen fünfzig Jahren gesunken. Die Meere werden als Müllkippen missbraucht, Ölkatastrophen töten Millionen Tiere, weitere Schadstoffe werden über die Luft eingetragen.“ Vier Fünftel aller globalen Abwässer landen kaum oder gar nicht aufbereitet in Flüssen, die Schwermetalle, Arzneimittel, Hormone und Krankheitserreger mit sich tragen.

In der Luft sammeln sich Treibhausgase an, die Hitze stauen. Dirk Steffens und Fritz Habekuss fügen hinzu: „Feinstaub aus Industrieschloten, privaten Kaminen oder Auspuffen sind zu einem Gesundheitsrisiko geworden, das nach NASA-Angaben jedes Jahr zu mindestens acht Millionen vorzeitigen Todesfällen führt.“ Stickoxide gelangen über den Regen in Gewässer und bringen dort das Nährstoffgleichgewicht durcheinander. Quecksilber reichert sich in den Nahrungsnetzen der Arktis an, wo Belugawale zehnfach erhöhte Konzentrationen im Körper haben. Quelle: „Über Leben“ von Dirk Steffens und Fritz Habekuss

Von Hans Klumbies