Europa bietet momentan keine echt positiven Zukunftsprognosen. Florence Gaub erklärt: „Stattdessen hofft man, eine negative Zukunft zu vermeiden: eine, in der unsere Jobs weggenommen werden, in der die Temperaturen steigen, in der die Werte sich verändern.“ Egal wie man inhaltlich dazu steht, die europäische Zukunft wird bestenfalls als Status quo oder als gebremste Rückkehr zur Vergangenheit beschrieben, ebenso wie die amerikanische, die verspricht, alles „great again“ zu machen. Und natürlich würden die meisten demokratischen Regierungen nicht im Traum daran denken, irgendwelche Aussagen für 2030 zu machen, geschweige denn für 2050, wenn sie schon längst nicht mehr an der Macht sind. Das Problem bei einer solchen Nichtzukunft ist, dass es keine richtige ist. Dr. Florence Gaub ist Politikwissenschaftlerin, Militärstrategin und Zukunftsforscherin. Sie leitet als Direktorin den Forschungsbereich NATO Defense College in Rom.
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Passende Bücher bei Amazon findenDie Art und Weise der Erzählung der Zukunft ist extrem wichtig
Zukunft ist per Definition immer anders als die Gegenwart, sie muss es sein, um zu begeistern. Florence Gaub weiß: „Science-Fiction-Filme sind gerade deshalb so fesselnd, weil sie uns etwas zeigen, das anders – im Idealfall besser – ist als das Jetzt. Ein futuristischer Film, der zeigt, wie eine Gesellschaft es geschafft hat, sich gar nicht zu verändern, wäre immer ein Flop.“ Die Art und Weise, wie eine Zukunft erzählt wird, ist daher genauso wichtig wie ihr Inhalt, wenn nicht sogar noch wichtiger.
Eine Geschichte des Niedergangs, des Rückgangs oder auch des Gleichbleibens wird immer weniger stimulierend sein als eine Geschichte des Wachstums, der Innovation, der Möglichkeiten und des Novums. Florence Gaub stellt fest: „Und wenn dystopische, also negative Science-Fiction-Filme florieren so wie aktuell, ist das vor allem ein Indiz, dass sich eine gute Zukunft nicht mal mehr vorgestellt werden kann.“ Pessimismus oder Optimismus in Bezug auf die Zukunft haben weniger damit zu tun, welches Maß an Katastrophen oder an Reichtum man in ihr erwartet, als damit, wie viel Einfluss man auf diese Zukunft zu haben meint.
Viele Optionen vergrößern den Handlungsspielraum
Je mehr Einfluss man glaubt zu haben, desto optimistischer ist man. Florence Gaub erläutert: „Einfluss wiederum ist keine objektive Tatsache: Es ist eine Wahrnehmung, die sich direkt daraus ergibt, wie viele Optionen wir uns für die Zukunft ausdenken können. Je mehr Optionen, desto größer der Handlungsspielraum, desto mehr Optimismus.“ Das Schaffen von Optionen ist zwar die Aufgabe aller, von Bürgern und Regierungen, aber Regierungen haben mehr Einfluss und dementsprechend mehr Verantwortung.
Die Regierungen müssen daher den Rahmen vorgeben, mehr strategische Vorausschau betreiben und der fernen Zukunft mehr Platz in ihren Programmen und Gesetzen einräumen. Florence Gaub betont: „Aber das allein reicht nicht. Sie müssen auch eine gute Geschichte darüber erzählen können, eine, die nicht nur verspricht, den Status quo zu erhalten.“ Die Bürger werden es ihnen danken: Umfragen zufolge wünschen sich die Menschen überall auf der Welt, dass ihre Regierungen langfristiger denken. Quelle: „Zukunft“ von Florence Gaub
Von Hans Klumbies
