Die Zukunft muss den Göttern entwendet werden

Die Philosophin Hannah Arendt verortet die Idee, dass es so etwas wie dauerhaften Fortschritt geben könnte, erst so etwa ab dem 17. Jahrhundert. Petra Pinzler erklärt: „Damals wird nach und nach das zyklische Zeitverständnis des Mittelalters durch ein lineares abgelöst. Dazu man die Zeit allerdings zu einem Kontinuum werden, darf nicht mit immer neuen Herrschern immer wieder neu anfangen, an Sommertagen länger sein als an Wintertagen und in verschiedenen Königreichen unterschiedlich gemessen werden.“ Die Zukunft muss den Göttern entwendet und damit zu etwas werden, das sich nicht nur durch Säen, Ernten, Einlagern und Erntedank beeinflussen lässt. Sondern auch durch Genialität und Mut, Wettbewerb und Kooperation, durch die Fähigkeit andere zu überzeugen oder zu organisieren. Durch Unternehmertum und politisches Talent. Petra Pinzler arbeitet als Hauptstadtkorrespondentin der Wochenzeitung „Die Zeit“. Sie schreibt zudem Bücher über Wirtschaft, Umwelt und Klimaschutz.

Die Zukunft des eigenen Schicksals kann man selbst gestalten

Man muss dafür das eigene Schicksal als etwas begreifen, dessen Zukunft man selbst gestalten kann. Petra Pinzler ergänzt: „Und sich selbst als Teil einer Gesellschaft, die durch das eigene Handeln verändert wird: Weil jemand ein neues Medikament erfindet oder eine hilfreiche Technik, eine neue Gesellschaftstheorie entwirft, sich für eine bessere Gesellschaft oder auch nur erträglichere Arbeitsbedingungen einsetzt.“ Damit die Zukunft gestaltet und dauerhaft verbessert werden kann, muss sie also erst denkbar sein. Und sie musste gedacht werden.

Der „Erwartungshorizont“ muss über den „Erfahrungshorizont“ hinausgehen und das bedeutet: Menschen dürfen sich das, was kommen könnte, nicht mehr als Verlängerung oder Wiederholung der Gegenwart in die Zukunft vorstellen, sondern als etwas komplett Neues. Petra Pinzler erläutert: „Als sie das endlich können, beginnt eine grundsätzlich neue Epoche: die Moderne. Philosophen, Historiker und Soziologen verorten diese „Moderne“ ab dem 19. Jahrhundert.“

Der Wunsch nach individueller Freiheit brennt immer mächtiger

Der Mensch befreit sich endgültig von den Fesseln des absolutistischen Staates, strebt unabhängig nach Wissen und Wahrheit und schließ sich mit anderen zusammen, um eine politische Ordnung zu errichten, an deren Regeln jeder beteiligt ist – jedenfalls in der Theorie. Petra Pinzler fügt hinzu: „Der Wunsch nach individueller Freiheit und Autonomie brennt nun immer mächtiger. Ab dem 19. Jahrhundert geht das Umformen der Welt nach menschlichen Vorstellungen immer schneller.“

Immer besser können Menschen und die Natur ihren Bedürfnissen anpassen. Neue Verfahren und Produkte verändern das Leben rasant. Der Fortschritt wird zum Imperativ. Petra Pinzler stellt fest: „Im Rückblick ist es leicht, jene Epoche als die industrielle Revolution zu bezeichnen. Für die Menschen, die sie erleben, muss der rasante Wandel abwechselnd erschreckend und grandios gewesen sein. Die Innovationen sprudeln nur so.“ Die Erfindung des chemischen Düngers und damit die Effizienzfortschritte bei der Nahrungsmittelproduktion befreien viele Millionen Menschen von der Last , den größten Teil des Alltages mit der Suche oder der Produktion von Nahrung zu verbringen. Quelle: „Hat das Zukunft oder kann das weg?“ von Petra Pinzler

Von Hans Klumbies