Die Zukunft kann schön oder schrecklich sein

Die Zukunft könnte nicht nur schön sein, sondern auch schrecklich. Dazu muss man sich nur einige der negativen Entwicklungen der Vergangenheit ansehen und sich eine Zukunft vorstellen, die von ihnen beherrscht wird. William MacAskill blickt zurück: „Erinnern wir uns zum Beispiel, dass England und Frankreich die Leibeigenschaft schon Ende des 12. Jahrhunderts fast völlig abgeschafft hatten, nur um dann im Kolonialzeitalter zu Sklavenhändlernationen zu werden.“ Oder dass Mitte des 20. Jahrhunderts einstige Demokratien zu totalitären Staaten wurden. Oder dass die Menschheit ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse dazu verwendet, um Atombomben und Tiermastbetriebe zu bauen. Nicht nur die Eutopie ist eine reale Möglichkeit, sondern auch die Dystopie. In der Zukunft könnte ein totalitäres Regime die ganze Welt beherrschen, die Lebensqualität von heute könnte lediglich eine schwache Erinnerung an ein früheres Goldenes Zeitalter sein. William MacAskill ist außerordentlicher Professor für Philosophie an der Universität Oxford.

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Nur wenige Menschen wollen langfristig etwas bewegen

Oder ein Dritter Weltkrieg könnte die Zivilisation vollkommen ausgelöscht haben. Wie wunderbar oder schrecklich die Zukunft wird, hängt von den heute lebenden Menschen ab. Selbst wenn man annimmt, dass die Zukunft immens und wichtig ist, kann man seine Zweifel haben, ob man sie wirklich in positiver Weise beeinflussen kann. William MacAskill würde dem zustimmen: Es kann sehr schwierig sein, sich die langfristigen Auswirkungen der eigenen Entscheidungen vorzustellen.

Die Zukunft ist so wichtig, dass man zumindest versuchen sollte herauszufinden, wie man sie in eine positive Richtung lenken kann. Und es gibt bereits einige Dinge, die man über sie aussagen kann. William MacAskill stellt fest: „Wenn wir in die Vergangenheit blicken, finden wir nur wenige Menschen, die ganz gezielt langfristig etwas bewegen wollten. Doch es gibt sie, und einige waren dabei erstaunlich erfolgreich. Dichter sind ein gutes Beispiel.“ William Shakespeare schreibt in einem seiner Sonette, mit seiner Kunst könne er die Schönheit eines jungen Mannes, den er bewundert, für alle Zeit bewahren.

Der Einfluss von Thukydides reicht bis in die Gegenwart

William Shakespeare wird heute von mehr Menschen gelesen als zu seiner Zeit. Und solange irgendjemand bereit ist, seine Werke zu erhalten und weiterzugeben, werden sie weiterleben. Auch andere Autoren haben sich erfolgreich um langfristige Wirkung bemüht. William MacAskill nennt ein Beispiel: „Thukydides schrieb sein Geschichtswerk über den Peloponnesischen Krieg im 5. Jahrhundert vor Christus. Viele sehen in ihm den ersten Historiker des Westens, der versuchte, die Geschehnisse wahrheitsgetreu aufzuzeichnen und ihre Ursachen zu analysieren.“

Er war überzeugt, dass er die Wahrheit schilderte, und schrieb seine Geschichte bewusst so, dass ihr Einfluss bis weit in die Zukunft reichte. Der Einfluss von Thukydides reicht bis in die Gegenwart. William MacAskill weiß: „An den US-Militärakademien von West Point und Annapolis ist sein Werk noch heute Pflichtlektüre.“ Soweit man weiß, war Thukydides der erste Mensch, der auf eine langfristige Wirkung zielte und damit erfolgreich war. Ein weiteres Beispiel sind die Gründerväter der Vereinigten Staaten. Die Verfassung ihres Landes ist fast 250 Jahre alt und weitgehend unverändert geblieben. Quelle: „Was wir der Zukunft schulden“ von William MacAskill

Von Hans Klumbies