Rebekka Reinhard schreibt: „Niemand weiß, was kommt. Die Zukunft braucht den Menschen nicht. Aber der Mensch braucht die Zukunft. Ohne sie kann er nicht leben, auch wenn er vielleicht zu dumpf, zu schwach, zu verletzlich für sie ist.“ Dann braucht er sie erst recht, weil nur so die Chance so immer neuen Einkehr- und Umkehrmomenten besten, die ihn bestenfalls klüger und humaner machen. Wir stehen nicht am Ende der Zeiten, sondern immer an einem Anfang. „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ – ein guter Zeitpunkt, um diesen Satz des Sokrates aus der Mottenkiste zu holen. Rebekka Reinhard ist Chefredakteurin des Magazins „human“ über Mensch und KI. Unter anderem ist sie bekannt durch den Podcast „Was sagen Sie dazu?“ der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft wbg.
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Eine Eigenschaft moderner Kunst besteht darin, sich jedem Entweder-Oder zu entziehen. Rebekka Reinhard erklärt: „Künstlerische Werke können tiefsitzende Denkmuster aufbrechen, multiple Perspektiven ermöglichen und die widersprüchlichen Beschreibungen der Welt, in der wir leben, offenlegen und deutlich machen.“ Der US-amerikanische Kurator Ralph Rugoff sagt: „Vielleicht kann Kunst eine Art Wegweiser sein, wie wir in interessanten Zeiten leben und denken.“ Ein Terroranschlag, ein Tsunami oder eine Pandemie haben die Macht, unser Denken auszusetzen, um es auf kreative Weise neu zu konfigurieren.
Solche von außen einbrechenden Ereignisse lehren, die Dinge anders zu sehen, sie bewegen zur reflexiven Umkehr und erinnern unsanft daran, dass wir Menschen sind. Fehleranfällig. Unvollkommen. Verletzlich. Aufeinander angewiesen. Rebekka Reinhard ergänzt: „Eine solche – freundlichere, weniger gefährliche – Macht können auch die von Malern, Literatinnen, Musikern, Schauspielerinnen geschaffenen Bilder, Worte und Atmosphären entfalten.“ Sie können als Augenöffner und Einsichtsbooster wirken. Leider reichen Einsichten allein als Wegweiser durch „interessante Zeiten“ nicht aus.
Aristoteles verbindet ein gelungenes Leben mit Tugendhaftigkeit
Die Computer-Logik wird sich nicht automatisch deinstallieren, mur weil allen plötzlich ein Licht aufgegangen ist. Rebekka Reinhard erläutert: „Zu vertraut, zu bequem und eindeutig sind den meisten die Paradigmen von Problem oder Lösung, Erfolg oder Scheitern, echt oder Fake, Mann oder Frau, als dass sie sich mal eben spontan davon verabschieden könnten.“ Die computer-logische Konditionierung kann wohl nur dann dauerhaft gelöscht werden, wenn sich Denkungsarten, Haltungen, Praktiken und Gewohnheiten durchsetzen, welche die herrschsüchtigen theoretischen Voreinstellungen und Bestätigungsfehler verblödeter Vernunft überflüssig machen.
Wenn waches Denken neue Tugenden hervorbringt. Wie soll das gehen? Ich weiß, dass ich nichts weiß. Auch Rebekka Reinhard besitzt keine Welt-App. Sie hat keine Ahnung, was die richtigen Antworten sind. Dafür kann sie sich an eine jener „richtigen Fragen“ erinnern, die zu stellen Norbert Wiener am Beginn des Computerzeitalters so dringend forderte: Wie soll man leben? Laut Aristoteles ist höchstes Ziel menschlicher Existenz ein gutes, glückliches, sinnvolles, im Ganzen gelungenes Leben: die Eudaimonie, die sich für ihn untrennbar mit Tugendhaftigkeit verbindet. Quelle: „Wach denken“ von Rebekka Reinhard
Von Hans Klumbies
