Die weltgeschichtliche Bedeutung des Kapitalismus ist nicht zu übersehen

Sven Beckert schreibt im Vorwort seines Buchs „Kapitalismus“: „Wir leben in einer Welt, die vom Kapitalismus geschaffen wurde. Die unaufhörliche Anhäufung von Kapital formt die Städte, in denen wir leben, bestimmt unsere Arbeitsweise, ermöglicht einer außerordentlich großen Zahl von Menschen ein zuvor nie dagewesenes Konsumniveau, beeinflusst unsere Politik, gestaltet die Landschaften um uns herum. Es ist unmöglich, die Erde zu betrachten und die weltgeschichtliche Bedeutung des Kapitalismus zu übersehen.“ Der Handel ist viel älter als der Kapitalismus, neu daran ist jedoch die Intensität der globalen Verknüpfungen, die der Kapitalismus hervorgebracht hat. Nämlich eine Weltwirtschaft. Man kann den Kapitalismus als die beste aller möglichen Welten feiern oder ihn für die von ihm verursachten Schäden verantwortlich machen und sein Ende herbeisehnen. Sven Beckert ist Laird Bell Professor für Geschichte an der Harvard Universität.

Nahezu alles kann auf Märkten gekauft und verkauft werden

Der Kapitalismus wird oft für „konservativ“ gehalten, aber seine Entstehung und Ausbreitung stellte die folgenreichste Revolution dar, welche die Welt je gesehen hat. Kein anderes Ereignis in der Geschichte hat Gesellschaften – und die Welt – so tiefgreifend beeinflusst wie die Ausbreitung des Kapitalismus. Als Produkt menschlichen Handelns hat sich die kapitalistische Revolution sich verselbstständigt und ist sowohl zur Dienerin wie auch zur treibenden Kraft des Anthropozäns geworden.

Um den Kapitalismus zu erfassen, muss man zunächst festhalten, dass es sich dabei um eine spezielle Wirtschaftsordnung mit einer einzigartigen Logik handelt. Der Kapitalismus ist aus vielen Gründen etwas Besonderes, unter anderem, weil er darauf beruht, dass wir fast alles was wir brauchen, auf Märkten erwerben und dabei Geld verwenden. Nahezu alles, was wir benutzen, was wir an uns nehmen und wieder von uns geben, ist zu einer Ware geworden, die auf Märkten gekauft und verkauft werden kann.

Der Kapitalismus erreicht die kleinsten Winkel des menschlichen Lebens

Den Kapitalismus sichtbar zu machen, bedeutet, ihn global und historisch verständlich zu machen. Sven Beckert legt dar, wie der Kapitalismus entstand, wie er sich räumlich und gesellschaftlich ausbreitete und wie er dabei seine Form veränderte. Es gab nichts Vorherbestimmtes an diesem Verlauf; sein Aufkommen und seine Entwicklung waren immer abhängig von ökologischen, sozialen politischen und technischen Faktoren. Zudem beschreibt der Autor, dass der Kapitalismus eine globale Ordnung ist, die sich jedoch nicht durch eine „reibungslose“ Zirkulation auszeichnet.

Wie das Buch „Kapitalismus“ von Sven Beckert zeigt, hat kein imperialistisches oder totalitäres Unterfangen je so erfolgreich wie der Kapitalismus die kleinsten Winkel und Ecken des menschlichen Lebens erreicht. Keine Religion, keine Ideologie, keine Philosophie war je so allumfassend wie die ökonomische Logik. Selbst unsere Aufmerksamkeit ist zur Ware geworden: Soziale Medien locken uns auf ihre Seiten, um unsere Präferenzen zu verkaufen. Der Philosoph Achille Mbembe aus Kamerun sagt: „Der Kapitalismus ist die einzige Religion ohne Tabus.“

Kapitalismus
Geschichte einer Weltrevolution
Sven Beckert
Verlag: Rowohlt
Gebundene Ausgabe: 1279 Seiten, Auflage: 2025
ISBN: 978-3-498-00591-7, 42,00 Euro

Von Hans Klumbies