Vor über fünfundzwanzig Jahren hat die US-Historikerin Elaine Showalter bereits den Zusammenhang von „hysterischen Epidemien und Massenmedien untersucht. Eva Menasse weiß: „Ihr Buch nannte sie „Hystorien“, weil sie sich fragte, wohin die vormals so verbreitete weibliche Hysterie um die Jahrhundertwende, wie sie von Jacques Lacan und Sigmund Freud untersucht worden war, eigentlich verschwunden sei.“ War sie ausgestorben oder hatte sich bloß verwandelt? Elaine Showalter analysierte eine Reihe von Massenphänomenen, die offenbar unter der Oberfläche mit der „klassischen“ Hysterie verwandt waren. Etwa, dass in den Achtziger- und Neunzigerjahren Geschichten von US-Amerikanerinnen durch die Medien gingen, die überzeugt waren, durch Sex mit Außerirdischen schwanger geworden oder, umgekehrt, durch die Schuld von Außerirdischen ihrer Schwangerschaft beraubt worden zu sein. Die Romane der österreichischen Schriftstellerin Eva Menasse sind vielfach ausgezeichnet worden.
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Passende Bücher bei Amazon findenUnvernunft ist hoch ansteckend
Ungeplante Schwangerschaften ebenso wie heftig betrauerte Fehlgeburten bekamen eine Ursache, die man tröstlicherweise mit anderen teilte. Eva Menasse erklärt: „Traumata und Schuldgefühle wurden verschoben und verlagert, in ein UFO und dessen allmächtige Bösewichter. Als Metapher in einer Psychotherapie wäre das konsistent, befremdlich wird die Sache erst mit dem Überschreiten der Metapherngrenze.“ Diese Frauen sprachen ernsthaft von „fliegenden Untertassen“ und grünen, wahlweise schwarzen Männchen, die ihnen und ihrem Bauch etwas angetan hatten.
Es lohnt, dieses Buch wieder zu lesen, weil Unvernunft eben nicht nur menschlich, sondern auch hochansteckend ist. Manches davon, was damals „typisch amerikanisch“ klang, begreift man erst jetzt, unter den Bedingungen der digitalen Dauerkommunikation. Eva Menasse ergänzt: „Damals übertrugen sich solche „Hystorien“ noch nicht interkontinental. Elaine Showalter überprüfte die Berichte in den regionalen Zeitungen und Radios und konnte tatsächlich nachvollziehen, wie sich die Ansteckungswellen der kollektiven Hysterien von Bundesstaat zu Bundesstaat fortgepflanzt hatten.“
Viele Menschen gewöhnen sich an die unzähligen Angebote des Aberglaubens
Die Informationen ließen sich noch halbwegs sicher zu den Quellen zurückverfolgen, ebenso wie die Ausschmückungen, die nach dem Stille-Post-Prinzip erfolgten. Eva Menasse stellt fest: „Sie waren der produktive Ort. Denn genau dort, in den Ungenauigkeiten der Übertragung, in den Kopierfehlern der Narrative, entwickelten sich die vergifteten, krankhaften Teile.“ Genau dort nistete schon damals der Irrationalismus. Wie klein diese Infektionsstellen damals waren im Vergleich zu heute!
Digitale Hysterien zeitigten handfeste analoge Folgen, wie „Pizzagate“ und vieles andere längst bewiesen haben: Der bewaffnete Überfall hat ja stattgefunden, zum Glück ohne dass ein Schuss abgegeben wurde. Eva Menasse erläutert: „Und so trifft im Zeitalter der Digitalmoderne ein Gewöhnungseffekt für die abgedrehtesten Geschichten ein. Man wird auch passiv in viel größerem Maßstab an die unzähligen Angebote des Aberglaubens gewöhnt als noch zur Zeit von Showalters Studien, denn man stößt im nächsten Umkreis auf sie, bei Freunden und Verwandten.“ Quelle: „Alles und nichts sagen“ von Eva Menasse
Von Hans Klumbies
