Wissen und Information schützen manchmal nicht vor Realitätsverlust. Richard David Precht erklärt: „Unser Wissen um die Perspektivlosigkeit unseres Wirtschaftens und unsere alltägliche Besorgnis scheinen gleichsam auf zwei verschiedene kortikale Regionen verteilt zu sein.“ Es ist schon eine lehrreiche Betrachtung, sich vorzustellen, was wohl Bewohner eines anderen Planeten, die mit unbestechlichem Blick auf die Erde schauen, über den Geisteszustand und die Zivilisation das Homo sapiens denken müssen. Je unerbittlicher die ökologische Katastrophe voranschreitet und je lauter die Wissenschaftler warnen und ein radikales Umdenken fordern, umso sedierender wird die Politik. Ruhe und Optimismus verbreiten, scheint ihre oberste Maxime. Die alltägliche Aufregung, die in den reichsten Ländern der Welt immer heißer aufkocht, betrifft Kinkerlitzchen und Skandale um Personen. Der Philosoph, Publizist und Autor Richard David Precht zählt zu den profiliertesten Intellektuellen im deutschsprachigen Raum.
Die Entrüstung im Namen des Guten lenkt von den großen Katastrophen ab
Verstöße gegen die Correctness nehmen weit mehr medialen Raum ein als die Klimakatastrophe und die Zerstörung der Lebensgrundlagen. Richard David Precht kritisiert: „Die Entrüstung im Namen des Guten lenkt so Tag für Tag von den großen Katastrophen der Welt ab.“ Selbstverständlich besteht Politik nicht darin, sich nur um das Allerwichtigste zu kümmern und alle anderen gesellschaftlichen Herausforderungen zu ignorieren. Und doch lässt sich kaum übersehen, mit welcher Macht heute die Erste-Welt-Probleme in den Vordergrund drängen und die wirklichen Weltprobleme dahinter verschwinden.
Die Blase der Klein- und Scheinprobleme, so scheint es, schwillt umso stärker, je verheerender der Lebensstil der Bewohner dieses Blasen zur Zerstörung der Welt beiträgt. Richard David Precht weiß: „Als die Europäische Kommission im Jahr 2017 Menschen in allen Ländern der Europäischen Union (EU) bat, eine Liste der größten Probleme der Welt anzulegen, kamen Armut sowie Mangel an Nahrung und Trinkwasser verständlicherweise auf den ersten Platz.“
Der Klimawandel und das Artensterben bedrohen die menschliche Zivilisation
Doch schon auf dem zweiten Platz wurde es interessant. Danach war der internationale Terrorismus das zweitgrößte Problem der Menschheit, von 24 Prozent der Befragten genannt. Richard David Precht fügt hinzu: „Der Klimawandel an dritter Stelle schaffte es dagegen gerade mal auf die Hälft der Nennungen. Nur zwölf Prozent, jeder achte EU-Bürger, hielt die sich anbahnende Klimakatastrophe für ein großes Menschheitsproblem.“ Man wird, nüchtern und rational betrachtet, nicht lange darüber streiten müssen, was „die“ Aufgabe der Politik im 21. Jahrhundert sein müsste.
Die katastrophale Weltlage erfordert eine unbestechliche Realpolitik. Richard David Precht erläutert: „Die wichtigsten Themen von Innen- und Außenpolitik sind die Klimawandel, die Ressourcenausbeutung, das Artensterben, der Kampf ums Wasser, die Migrationswellen und der weltweite Kontrast zwischen Arm und Reich mit seinen dramatischen Folgen.“ Eine globale Perspektive einzunehmen bedeutet, sich aus den festgefahrenen Sichtweisen zu lösen, die von vermeintlichen, aber oft kurzsichtigen Eigeninteressen ausgehen und im Regelfall damit beginnen, dass man sich selbst grundsätzlich erstens für die Guten und zweitens für das Wichtigste hält. Quelle: „Das Jahrhundert der Toleranz“ von Richard David Precht
Von Hans Klumbies
