Rebecca Solnit schreibt: „In der Welt, in der wir leben, geht es so turbulent zu, wie es sich kaum ein Science-Fiction-Roman erdenken konnte. Ich teile mittlerweile Howard Zinns Sichtweise, wonach die Zukunft zwar ungewiss ist, die Vergangenheit aber erkennen lässt, dass ganz normale Leute weltverändernde Kampagnen gestartet haben, von denen viele unvorhersehbar gewesen waren.“ Die zunächst unscheinbar wirkenden Bewegungen, die 1989 die autoritären Regime in Osteuropa stürzten, überraschen sogar die Beteiligten selbst. Niemand sah im vergangenen Jahrtausend voraus, dass indigene Völker auf dem amerikanischen Kontinent Einfluss und Sichtbarkeit zurückgewinnen, ihre Rechte und die Geltung ihrer Weltbilder weitgehend anerkannt würden. Rebecca Solnit ist eine der bedeutendsten Essayistinnen und Aktivistinnen der USA. Sie ist Mitherausgeberin des Magazins „Harper´s“ und schreibt regelmäßig Essays für den „Guardian“.
Es herrscht ein Unbehagen an zeitweiligen Ungewissheiten
Dass wir von Bewegungen früherer Jahrzehnte profitieren und sich diese Bewegungen entsprechend ihrer zunehmende Einsichten verändert haben, zeigt, dass der Prozess andauert und wir ohnehin immer mitten in der Sache stecken. Das Unbehagen an zeitweiliger Ungewissheit, das sich als falsche Gewissheit in Bezug auf die Zukunft äußert, hat, wie Rebecca Solnit inzwischen klar ist, sein Pendant im Unbehagen an Ambiguität, Komplexität, Widersprüchlichkeit und Undurchsichtigkeit, das als Drang zutage tritt, die Realität in luftdichte Kategorien zu stopfen.
Kategorien lassen sich nicht vermeiden – die Sprache selbst besteht daraus –, doch man sollte zugestehen, dass sie durchlässig und begrenzt sind. Rebecca Solnit ergänzt: „Manchmal verdeutlicht man das Wesen einer Sache, indem man ihr ein Etikett anheftet oder sie mit etwas anderem vergleicht. Allerdings kann es dadurch auch undeutlicher werden, weil die Unterschiede ebenfalls wichtig sind und durch die Etikettierung oder den Vergleich verloren gehen oder weil der Wesenskern in sich uneinheitlich oder nicht klar zu erkennen ist.“
Selbst ein kategorisierter Sachinhalt ist noch einige Gedanken wert
Wo Kategorien im Spiel sind, wird oft nicht weitergedacht. Rebecca Solnit erläutert: „Wir tendieren dahin, so zu tun, als wäre ein einmal kategorisierter Sachinhalt keinen Gedanken mehr wert. Ist er in den meisten Fällen aber doch.“ Wir müssen ständig mit komplexen Gegebenheiten umgehen, mit Widersprüchen, Ambiguitäten, mit schlechten Menschen, die Gutes tun, und guten, die Schreckliches tun, und mehr noch damit, einfach nicht zu wissen. Wir kennen einen Menschen kaum durch und durch.
Wir wissen nur selten, woher der Mensch kommt, wie es ihm gerade geht und was er von sich erkennen lässt, wie sehr er sich verändert hat und seine Meinung von vor ein paar Jahren inzwischen gar nicht mehr seine Meinung ist, und ob er möglicherweise falsch dargestellt wurde. Rebecca Solnit räumt einer nicht hundertprozentig gewissen Sache gern einen Vertrauensvorschuss ein, wendet die Unschuldsvermutung – im Zweifel für den Angeklagten – darauf an. Quelle: „Umwege“ von Rebecca Solnit
Von Hans Klumbies
