Die Theorie sozialer Signale wurde in den Siebzigerjahren entwickelt

Um uns in Gesellschaft zu bewegen und Entscheidungen zu treffen, benötigen wir Informationen. Hanno Sauer weiß: „Die Theorie sozialer Signale wurde in den Siebzigerjahren fast zeitgleich und unabhängig voneinander von verschiedenen Forschern in den Wirtschaftswissenschaften und der Verhaltensbiologie entwickelt.“ Der US-amerikanische Ökonom Michael Spence wollte verstehen, in welcher Situation sich Unternehmen befinden, die neue Mitarbeiter einstellen wollen. Rekrutierungsverfahren ins eine Art „Investition unter Unsicherheit“, bei der Firmen nicht nur entscheiden müssen, wer eingestellt werden soll, sondern auch zu welchem Gehalt. Aber welche potenziellen Mitarbeiter sind wie produktiv, clever, fleißig oder pünktlich? Diese Information ist ex ante – also bevor der Arbeitsvertrag unterschrieben ist – nur schwer zugänglich. In diesem Fall wäre es hilfreich, wenn dem Unternehmen auf der Suche nach neuem Personal irgendein Merkmal zur Verfügung stünde, an dem sich ablesen ließe, wer wie schlau oder motiviert ist. Hanno Sauer ist Professor für Philosophie an der Universität Utrecht.

Teure Signale sieht man überall

Michael Spence argumentierte, dass Ausbildungszertifikate wie Universitätsabschlüsse diese Signalfunktion übernehmen. Hanno Sauer erklärt: „Wer einen Bachelor mit guten Noten in einem schwierigen Fach von einer guten Universität vorweisen kann, der zeigt damit, dass er über die Eigenschaften verfügt, die bei Arbeitsgebern besonders begehrt sind: Intelligenz und eine hohe Toleranz für langweilige Aufgaben.“ Eine überraschende Implikation ist, dass dieses „signalling“ selbst dann funktioniert, wenn der Bewerber auf der Universität rein gar nichts gelernt hat.

Das vorhandene Humankapital wird durch den erfolgreichen Abschluss so oder so angezeigt, unabhängig davon, wo oder wie es erworben wurde. Hanno Sauer fügt hinzu: „Und das Signal ist verlässlich, denn nicht jeder hat die Fähigkeit, ein komplexes Fach zu studieren, weshalb diejenigen, die die entsprechenden Signale senden, im Durchschnitt auch diejenigen sind, die die gesuchten Qualitäten haben.“ Sobald man den Begriff teurer Signale einmal verstanden hat, sieht man sie überall.

Thorstein Veblens Buch „Theorie der feinen Leute“ erschien 1899

In den Wirtschaftswissenschaften wurde die Verfügbarkeit von Informationen zu einer der bestimmenden Fragestellungen der zweiten Hälfte im 20. Jahrhundert. Ein früher Pionier der Theorie sozialer Signale war der US-amerikanische Gesellschaftstheoretiker Thorstein Veblen. Sein Buch „Theorie der feinen Leute“ wird inzwischen als einer der ganz großen Klassiker der soziologischen Theoriegeschichte angesehen. Es steht auf einer Ebene mit Émile Durkheims „Über soziale Arbeitsteilung“ oder Max Webers „Wirtschaft und Gesellschaft“.

Hanno Sauer blickt zurück: „Thorstein Veblens Buch „Theorie der feinen Leute“ erschien 1899. Es ist erstaunlich, wie frisch sich das schmale Bändchen liest und wie vorausschauend Veblens Einschätzungen der Dynamik moderner Gesellschaften heute noch erscheinen.“ Während andere, selbst deutlich später verfasste, zeitkritische Analysen oft schnell veralten und irgendwann eine Welt zu beschreiben scheinen, die obsolet geworden ist und mit der eigenen Lage nicht mehr viel zu tun hat, erkennt man die Verwerfungen moderner Gesellschaften in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bei Veblen sofort wieder. Quelle: „Klasse“ von Hanno Sauer

Von Hans Klumbies