Die Technik ist eine Erweiterung des Ichs

Maschinen scheinen den Menschen in seiner Einzigartigkeit zu bedrohen. Lisz Hirn erläutert: „Ihre fortschreitende Evolution verändert nicht nur das menschliche Tier, sondern vor allem seine Beziehung zur Welt.“ In Martin Bubers Dialogphilosophie konkretisiert sich das „Du“ als Ausgangspunkt der Welterschließung, der seit René Descartes beinahe unhinterfragt das „Ich“ gewesen war. „Ich denke, also bin ich“ als narzisstische Spielerei einer beginnenden Aufklärung, die schließlich in der Betonung der technischen Denkmodelle kumuliert. Aber nicht nur deshalb, wie manche behaupten, weil wir in einer Gesellschaft leben, die den Narzissmus in Form der Selbstsorge nicht nur befördert, ihn sogar verlangt, sondern weil die Technik genau das ist: eine Erweiterung des Ichs. Lisz Hirn arbeitet als Publizistin und Philosophin in der Jugend- und Erwachsenenbildung, unter anderem am Universitätslehrgang „Philosophische Praxis“.

Viele Menschen sind verliebt in ihre digitale Spiegelung

Lisz Hirn erklärt: „Wenn wir uns auf die Maschine als „Es“ beziehen, muss uns die Dissonanz, die daraus ganz logisch folgt, nicht weiter wundern. Dennoch lässt sich in der Herrschaft der Algorithmen und Zahlen das hohe Gut der Freiheit des „Ichs“ nicht länger behaupten.“ Wenn man sich von dem liebgewonnenen Mythos trennt, dass das Mängelwesen Mensch die Technik nur aus Kompensationsgründen braucht, dann öffnet sich ein neuer Blick auf die Fragestellung „Was ist der Mensch?“.

Für den Menschen als lebendige Figur aus Fleisch ist die Technik existenziell, um sein „Ich“ zu erweitern. Die Beziehung eines Individuums ist als nicht die eines „Ichs“ zu einem „Du“ oder eines „Ichs“ zu einem „Es“, sondern die eines „Ichs“ zu seiner Erweiterung. Lisz Hirn fügt hinzu: „Das ist die narzisstische Magie, die uns in den Bann schlägt. Wir starren verliebt in unsere digitale Spiegelung und sehen darin eine Welt, die unseren Suchergebnissen und Algorithmen entspricht.“

Die Maschine übertrifft den Menschen manchmal in seiner Einzigartigkeit

Man lasse sich also von aktuellen Entwicklungen nicht täuschen. Lisz Hirn stellt fest: „Das biologisch Menschliche und das technisch Menschliche sind voneinander untrennbar. Die eigentliche Emotionalisierung passiert immer dann, wenn uns die Maschine in Bereichen übertrifft, in denen wir uns für einzigartig halten.“ Schon jetzt verrichten Maschinen schwere körperliche oder geistig aufwendige Arbeit effizienter und exakter als menschliche und nichtmenschliche Tiere.

Warum nicht eine Maschine nutzen, die Krebs im Anfangsstadium besser erkennen kann als selbst der erfahrenste Arzt? Das arbeitende Tier will nicht sehen, dass der Traum des Aristoteles in Erfüllung gegangen ist. Lisz Hirn weiß: „In einer Gesellschaft, in der Sklaverei selbstverständlich war, träumte der griechische Philosoph von Maschinen, die „humanoide Biomaschinen als muskelbewegte und befehlssensible Erzeuger von gewünschten Effekten“, also Menschen, von den notwenigen Tätigkeiten befreien würden.“ Quelle: „Der überschätzte Mensch“ von Lisz Hirn

Von Hans Klumbies