Ullrich Fichtner schreibt: „Im alten Paradigma der Fliegerhelden, Erfinden, Raumfahrtpioniere und Fabrikanten, sagen wir ruhig: im falschen ersten Paradigma des Anthropozäns, waren laut Bruno Latour Wohlstand, Emanzipation, Freizeit die motivierenden Werte schlechthin.“ Diese nun umgestalten zu müssen, weil es die krisenhafte Entwicklung des Klimas erfordert, löse keinerlei Begeisterung aus, sondern trage den Öko-Aktivisten und -Parteien nur den Vorwurf der Langeweile, Einschränkung und Rückwärtsgewandtheit ein. Die ökologische Bewegung wird deshalb nicht als Avantgarde anerkannt, nicht als führende Kraft auf einem „Zeitpfeil“, nicht als Vorhut der Zukunft, nicht als Agent des Fortschritts, im Gegenteil. Sie steht für trockene Vernunft, also Humorlosigkeit, Verbote, Predigten, für Verzicht. Das macht es ihren Gegnern leicht, gegen eine angeblich aufziehende „Ökodiktatur“ zu trommeln und die Umweltfreunde vorzugsweise als kleinkarierte Moralapostel vorzuführen. Ullrich Fichtner ist Reporter des „Spiegel“ und gehört zu den renommiertesten Journalisten Deutschlands.
Der Hyperkonsum versprach Lustgewinn und Hedonismus
Bislang besteht der Erfolg der politischen Ökologie darin, die Menschen in Panik zu versetzen und diese gleichzeitig aus Langeweile zum Gähnen zu bringen. So erklärt sich die Handlungslähmung, die sie zu oft hervorruft. Ullrich Fichtner sagt es ganz banal in heutiger Umgangssprache: „Das alte, falsche Paradigma des blinden, verbrauchenden Hyperkonsums war und ist vergleichsweise sexy, weil es Freiheit, Lustgewinn, Hedonismus versprach, wogegen der ökologische Pfad nur Tugendhaftigkeit und Mäßigung zu bieten hat.
Es bleibt deshalb auch weiterhin unwahrscheinlich, dass sich ein ökologisches Paradigma durchsetzen wird; es ist, wie es die grünen Parteien und Organisationen vortragen, tatsächlich „zu klein“. Ullrich Fichtner erläutert: „Es verzettelt sich häufig im Wust möglicher Maßnahmen, denen irgendwann kein Mensch mehr folgen kann. Außerdem ist es ein zu schmales politisches Angebot, „nur“ die Natur schützen zu wollen, und diesem Ziel alles Mögliche, auch die menschliche Lebensqualität, opfern zu sollen.
Eine nachhaltige Zukunft der Natur erfordert ein größer gefasstes Denken
Daraus lässt sich kein Denkrahmen basteln, der weit genug wäre, das Leben im Anthropozän zu fassen. Ullrich Fichtner fordert: „Erforderlich wird ein anderes, größeres Denken. Der Weltklimarat spricht in seinem sechsten un aktuellsten Sachstandsbericht von den vielfachen Wechselbeziehungen zwischen Klima, Ökosystemen, Biodiversität und menschlichen Gesellschaften, die anzuerkennen seien.“ Die australische Umwelthistorikerin Libby Robin sagt: „Die Zukunft der Natur ist ein Problem, das von möglichst allen menschlichen Wissensbereichen aus betrachtet werden sollte.“
Dazu zählt Libby Robin die Geschichte, die Philosophie, die Literaturwissenschaften und andere Sozialwissenschaften, die sich mit Umweltgerechtigkeit und der Ethik der Nutzung der Ressourcen unserer Erde befasst. Nachhaltige Entwicklung schreibt Libby Robin, übrigens in einem Katalog des Deutschen Museums in München, das vor fast zehn Jahren eine großartige Ausstellung zum Anthropozän organisierte, „wird heute mehr und mehr als eine Reise denn als festes Ziel verstanden.“ Quelle: „Geboren für die großen Chancen“ von Ullrich Fichtner
Von Hans Klumbies
