Die Oberschicht kann sich in der Realität voll entfalten

Da die Oberschicht in der realen Welt zu den Gewinnern zählt, besteht für sie wenig Anlass, sich in maschinelle Träume zu flüchten. Ille C. Gebeshuber stellt fest: „Sie haben den Raum und die Möglichkeiten, sich in der Realität zu entfalten. Darum wird dem Reisen und dem Sehen mit den eigenen Augen große Bedeutung zukommen. In dieser globalen Gesellschaft werden persönliche Beziehungen sowie Kunst und Kultur im Mittelpunkt stehen.“ Zur Elite zu gehören, bedeutet auch, zur eigenen Körperlichkeit und intensiver körperlicher Betätigung zu stehen, die von früher Jugend an Teil des Alltags sein wird. Das sorgenfreie Leben von edlen Menschen in zeitlos jungen Körpern könnte aus der Perspektive der anderen Schichten langweilig und leer erscheinen, aber die Herkunft und Ausbildung der neuen Elite erzeugt auch andere Bedürfnisse. Ille C. Gebeshuber ist Professorin für Physik an der Technischen Universität Wien.

Die Elite sorgt sich um die eigene Sicherheit und Abgeschiedenheit

Erste Ansätze in dieser Richtung sieht man zum Beispiel an teuren Privatschulen, in denen großer Wert auf körperliche Betätigung gelegt wird und sehr spät digitale Hilfsmittel im Unterricht Verwendung finden. Ein weiteres Bedürfnis der Elite ist die Sorge um die eigene Sicherheit und Abgeschiedenheit. Ille C. Gebeshuber erklärt: „Es kann davon ausgegangen werden, dass die Oberschicht der Zukunft in ihren realen Enklaven noch isolierter sein wird als jene unserer Tage.“

Und die Isolation ist nicht schwer herzustellen, da man von einer weitestgehenden Automatisierung des Lebensraumes der reichen Menschen des späten 21. Jahrhunderts ausgehen kann. Ille C. Gebeshuber schreibt: „Dies führt auch zur Frage, inwieweit diese Oberschicht an das digitale Universum angeschlossen ist. Nur weil sie es nicht schätzt, bedeutet es nicht, dass sie es nicht nutzt.“ Die neuralen Schnittstellen der Elite werden zum Besten zählen, das auf dem Markt erhältlich ist.

Die Mittelschicht versucht immer die Oberschicht nachzuahmen

In Verbindung mit den Privilegien, die der hohe soziale Status mit sich bringt, werden sie sehr erfolgreiche, aber kaum sichtbare Nutzer einiger Dienste sein. Ille C. Gebeshuber fügt hinzu: „Sie werden die digitalen Dienste zu sich kommen lassen, indem sie ihre Wirklichkeit durch Projektionen erweitern. Sie werden dies der eigenen Reise in die alternativen Welten vorziehen.“ Das Leben über der digitalen Welt entfremdet sie von den anderen Menschen in der Wolke der digitalen Welten.

Ille C. Gebeshuber betont: „Wie zu allen Zeiten wird die Mittelschicht auch in der Zukunft eine besondere Rolle spielen. Sie wird wie immer versuchen, die Oberschicht nachzuahmen und durch die besondere Nutzung ihrer Privilegien eine völlig eigene Kultur schaffen.“ Eine bedeutende Stellung wird hier der Realitätsbezug einnehmen, da die Mittelschicht einen besonders intensiven Bezug zur realen Welt haben wird. Dies drückt sich auch durch das herausragende Privileg der Mittelschicht aus – dem Zugang zu Arbeitsplätzen. Quelle: „Eine kurze Geschichte der Zukunft“ von Ille C. Gebeshuber

Von Hans Klumbies