In den neuen Medien muss man sich verstellen und seine eigene, emotionale Realität entwerfen, um sie leben zu können. Emanuele Coccia erklärt: „Darum sind Autor und Figur auch nicht mehr voneinander zu unterscheiden. Denn nur, wenn man zu einer fiktiven Figur wird, enthält man den Status eines Autors, und nicht umgekehrt.“ Autor zu sein bedeutet heute, ausschließlich über die literarische Fiktion Zugang zur eigenen Realität zu haben. Es handelt sich um eine erweiterte Form der Literatur, weil sich das Medium, in dem sie stattfindet, nicht allein auf Worte beschränkt, sondern mittels verschiedener Träger versucht, die Erfahrung so weit wie nur möglich zu reproduzieren. Emanuele Coccia ist Professor für Philosophiegeschichte an der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris.
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Und sie ist umfassend, denn im Vergleich zu den traditionellen Künsten kann sie auf eine wirklich beeindruckende Zahl von Nutzern verweisen. Emanuele Coccia stellt fest: „Im Grunde ist in den neuen Medien die alte Forderung der Avantgardisten verwirklicht worden, die Kunst mit dem Leben zu verbinden.“ Deshalb haben sich die neuen Kunstformen auch das Zuhause zum Vorbild genommen, sie sind in den häuslichen Raum eingedrungen, haben ihn infiziert und von innen heraus verändert.
Emanuele Coccia schreibt: „Sie sind nicht nur zu unserem neuen Zuhause geworden, einem Ort, durch den wir die soziale und menschliche Welt bewohnbar machen, sondern sie sind auch das visuelle und literarische Mittel, durch das wir überall zuhause sein können.“ Zugleich sind Facebook und Instagram jedoch Paradoxien, denn sie verkörpern eine Realität, die interpretiert, inszeniert und zur Fiktion werden muss, um realer zu sein, als sie ist. Außerdem dient die Fiktion, die sie repräsentieren, nicht dazu, uns mit Hilfe der Vorstellungskraft an andere Orte, in unbekannte Welten oder in ein anderes Leben zu entführen.
Die neue Literatur muss alle Medien besetzen
Vielleicht soll sie es uns ermöglichen, so weit wie möglich mit uns selbst übereinzustimmen, mit dem, was wir sind. Das Leben wird zur Autofiktion, durch die man wird, was man ist. Das Subjekt ist der Hüter dieses Paradoxons. Emanuele Coccia erläutert: „Einerseits ist es der Dramaturg eines realen Lebens, dessen Inszenierung vor aller Augen mit der Welt übereinstimmt. Andererseits ist es der Interpret seiner eigenen Existenz, eines Lebens, das von anderen geschrieben und komponiert wurde.“
Wenn das Leben zum ästhetischen Konstrukt wird, kann alles, worauf sich unsere Erfahrung gründet, durch das Bild dieses Lebens manipuliert werden. Das Objekt unterscheidet sich nicht mehr von seiner Darstellung. Deshalb muss diese neue Literatur alle Medien besetzen und sie miteinander vermischen, so wie alle Dinge ihre visuelle, taktile, olfaktorische und rationale Identität vermischen. Auch die räumliche Trennung entfällt. Emanuele Coccia ergänzt: „Denn um uns einer Sache bewusst zu werden, müssen wir nicht ihr Bild von der Welt trennen, sondern der Welt das Bewusstsein überstülpen.“ Quelle: „Das Zuhause“ von Emanuele Coccia
Von Hans Klumbies
