In Jonathan Haidts Buch „Die Macht der Moral“ geht es um die Frage, warum es uns so schwerfällt, miteinander auszukommen. Der Autor beschäftigt sich mit Moralpsychologie, und er möchte darlegen, dass Moralität eine außergewöhnliche menschliche Fähigkeit ist, die Zivilisation erst möglich gemacht hat. Jonathan Haidt schreibt: „Meine Hoffnung ist, dass dieses Buch Gespräche über Moralität, Politik und Religion häufiger und zudem zivilisierter und amüsanter macht, selbst in gemischter Gesellschaft. Ich hoffe, es hilft uns, besser miteinander auszukommen.“ Das Buch hat drei Teile, das man als separate Bücher betrachten kann – abgesehen davon, dass jeder Teil auf den vorangegangenen aufbaut. Darin wird jeweils ein wichtiger Teil der Moralpsychologie vorgestellt. Jonathan Haidt ist Professor für Sozialpsychologie an der New York University. Seine Forschungsschwerpunkte sind die psychischen Grundlagen von Moral, moralische Emotionen und Moralvorstellungen in verschiedenen Kulturen.
Das Unterbewusstsein bestimmt den größten Teil unseres Verhaltens
Im Teil I geht es um das Prinzip: Intuition zuerst, strategisches Denken danach. Intuitive moralische Bewertungen entstehen automatisch und fast augenblicklich, lange bevor moralisches Denken die Chance hat einzugreifen. Diese ersten intuitiven Reaktionen tendieren dazu, unsere späteren Überlegungen zu lenken. Die zentrale Metapher dieses ersten Teils lautet: Der Geist ist zwiegespalten wie ein Elefant und sein Reiter, und die Aufgabe des Reiters ist es, dem Elefanten zu dienen. Der Reiter ist unser logisches Denken, unsere Vernunft. Der Elefant steht für die übrigen 99 Prozent unserer geistigen Prozesse – diejenigen, die außerhalb unserer bewussten Wahrnehmung ablaufen, tatsächlich jedoch den größten Teil unseres Verhaltens bestimmen.
Teil II befasst sich mit dem zweiten Prinzip der Moralpsychologie, das besagt: Moralität ist mehr als Schaden und Fairness. Die zentrale Metapher dieses Teils lautet: Der rechtschaffende Geist ist wie eine Zunge mit sechs Geschmacksrezeptoren. Säkulare westliche Moralvorstellungen sind wie Küchen, die versuchen, nur einen oder zwei dieser Rezeptoren zu aktivieren – entweder die Sorge im Hinblick auf Schaden und Leid oder die Sorge um Fairness und Ungerechtigkeit. Menschen haben jedoch noch viele weitere starke intuitive moralische Empfindungen, etwa im Zusammenhang mit Freiheit, Loyalität, Autorität und Heiligkeit.
Das Bauchgefühl steuert das strategische Denken
Teil III beschäftigt sich mit dem dritten Prinzip: Moralität bindet und blendet. Die zentrale Metapher dieses Teils besagt: Menschen sind zu 90 Prozent Schimpanse und zu 10 Prozent Biene. Die menschliche Natur wurde von der natürlichen Selektion geformt. Innerhalb einer jeden Gruppe konkurrieren Individuen miteinander, und wir sind die Nachkommen von Primaten, die sich in diesem Wettstreit besonders gut geschlagen haben. Dem verdanken wir die hässliche Seite unserer Natur. Jonathan Haidt schreibt: „Tatsächlich sind wir selbstsüchtige Heuchler und so geschickt darin, eine Show der Tugendhaftigkeit abzuziehen, dass wir sogar uns selbst täuschen.“
Das Buch „Die Macht der Moral“ von Jonathan Haidt erklärt, warum Menschen durch Politik und Weltanschauungen getrennt werden. Die Antwort ist nicht, wie die Manichäer es sehen, dass manche Menschen gut sind und andere schlecht. Die Antwort ist, dass unser Geist auf gruppenorientierte Rechtschaffenheit programmiert ist. Wir sind zutiefst intuitive Wesen, deren Bauchgefühl das strategische Denken steuert. Dennoch besitzen wir alle die Fähigkeit, unsere Eigeninteressen hinter uns zu lassen und einfach Teil eines Ganzen zu werden. Im Grunde ist dies nicht bloß eine Fähigkeit, sondern ein Zugang zu den wertvollsten Erlebnissen unseren Lebens.
Die Macht der Moral
Warum Politik und Weltanschauungen unsere Gesellschaft spalten
Jonathan Haidt
Verlag: Rowohlt
Gebundene Ausgabe: 476 Seiten, Auflage: 2026
ISBN: 978-3-498-00797-3, 28,00 Euro
Von Hans Klumbies
