Die moderne Gesellschaftskritik ist Gewohnheitskritik

Dass die Gewöhnung zur Freiheit führt, ist ihre Bestimmung im griechischen Modell der Befreiung, der Befreiung als Subjektivierung. Christoph Menke stellt fest: „Dass sie knechtend ist, ist die Erfahrung, welche die Israeliten nach ihrer Freilassung durch Pharao machten: Sie ist der Kern der Gegenerfahrung der Gewohnheit, die nach den jüdischen Erzählungen das christliche Denken und von daher die moderne Gesellschaftskritik bestimmt – denn die moderne Gesellschaftskritik ist Gewohnheitskritik.“ Im Zentrum dieser – zunächst jüdischen, dann auch christlichen – Gegenerfahrung der Gewohnheit stellt die Einsicht von Augustinus, dass „wer der Gewohnheit nicht widersteht […] in den Banden einer harten Sklaverei“ liegt: er „verfällt der Notwendigkeit“. Die Gewohnheit schreibt dem Subjekt, das sie zu ihr befreit, eine Notwendigkeit ein, die es nicht zu brechen vermag – denn sie ist dasselbe wie seine Freiheit. Christoph Menke ist Professor für Philosophie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main.

Gewohnheiten erstrecken sich in der Zeit

Diese Notwendigkeit, der wir durch unsere Gewohnheiten unterstehen, besteht in einem Gesetz der Identität. Christoph Menke erklärt: „Es bestimmt, wir gewohnheitsmäßig agieren. Wir agieren gewohnheitsmäßig in allen Weisen, in denen wir Bestimmungen vornehmen: empfindend, wahrnehmend, wünschend, wollend, handelnd, denkend.“ Der Begriff der Gewohnheit, des Gewohnheitsmäßigen oder Habituellen, bezeichnet daher einen spezifischen Typus des Bestimmens, eine spezifische, aber ubiquitäre Weise, etwas – eine Sache, eine Situation, uns selbst – als etwas zu bestimmen.

Diese Weise lässt sich durch zwei Aspekte bestimmen, welche die zwei Aspekte des Gewohnheitsgesetzes der Identität sind. Christoph Menke erläutert: „Die Identität der Gewohnheit hat erstens eine temporale und zweitens eine epistemische Seite, die in einer dritten Bestimmung der Gewohnheit gründen: der Identität des Subjekts oder der personalen Dimension der Identität.“ Temporal: Gewohnheiten erstrecken sich in der Zeit und werden dabei durch eine spezifische Logik der Wiederholung definiert.

Eine gewohnheitsmäßige Sache erscheint so wie immer

Die Wiederholungslogik ist identitär. Denn etwas gewohnheitsmäßig zu bestimmen heißt, es so wie bisher zu bestimmen. Wenn man eine Sache aus oder nach der Gewohnheit bestimmt, bekommt man sie so wie immer. Christoph Menke ergänzt: „Im Operieren der Gewohnheit wiederholt jede weitere Bestimmung bloß die bisherigen; sie lässt alles so, wie es war. Jede gewohnheitsmäßige Bestimmung ist nicht als eine leere Wiederholung derjenigen, die wir immer schon vernehmen.“

Epistemisch: Der Identität in der Sequenz der gewohnheitsmäßigen Bestimmungen entspricht die Identität, die jede einzelne Bestimmung im Inneren beherrscht. Alles Bestimmen – von etwas als etwas – hat die Struktur der Subsumtion: Etwas Besonderes wird bestimmt, indem es unter ein Allgemeines subsumiert wird. Christoph Menke fügt hinzu: „Das sind unsere Begriffe. Empfindend, wahrnehmend, wünschend, wollend, handelnd und denkend als etwas zu bestimmen besteht darin, allgemeine Begriffe zu gebrauchen, um einen besonderen Gegenstand zu charakterisieren. Quelle: „Theorie der Befreiung“ von Christoph Menke

Von Hans Klumbies