Selbst wenn Forscher nicht so unmittelbar in die kapitalistische Expansion verstrickt waren wie etwa Robert Boyle oder Francis Bacon, so atmeten sie doch die Weltanschauung der Schicht, in der sie verkehrten und von der sie bezahlt wurden, täglich mit ein. Fabian Scheidler ergänzt: „Und diese Geisteshaltung war stark von einer Kultur der Berechnung geprägt. Die Welt war zu einem Spielfeld aus Ressourcen und Risiken geworden, auf dem es galt, sich durch geschicktes Kalkül möglichst viel anzueignen.“ Die Natur wurde so von einem lebendigen Netz, in das die Menschen eingebettet waren, Schritt für Schritt zu einem Objekt, das ihnen gegenüberstand. Die Epoche der Renaissance, in der sich das neue System formierte, war geprägt von diesem fundamentalen kosmologischen Umbruch. Der Publizist Fabian Scheidler schreibt seit vielen Jahren über globale Gerechtigkeit.
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Passende Bücher bei Amazon findenDie Himmelsmaschine gleicht einem Uhrwerk
Auf der einen Seite standen verschiedene Formen „organischer“ Weltbilder, die den Kosmos als ein Ganzes auffassten, beseelt von einer „anima mundi“, der Weltseele. Fabian Scheidler erklärt: „Giordano Bruno (1548 – 1600) etwa vertrat die Auffassung, dass das Universum sowohl unendlich als auch durchgehend beseelt sei, eine Idee, für die er von der römischen Inquisition schließlich bei lebendigem Leibe verbrannt wurde.“ Johannes Kepler stand, eine Generation später, bereits an der Scheidelinie zu einer mechanistischen Betrachtungsweise.
Fabian Scheidler erläutert: „Er teilte zwar das organische Weltbild, insofern er zumindest die Erde als lebendiges Ganzes mit einer „anima terrae“ ansah; zugleich schien ihm aber die Organismusmetapher nicht hilfreich, um die Bewegung der Gestirne zu verstehen.“ So schrieb er 1605 an einen Freund: „Mein Ziel ist zu zeigen, dass die Himmelsmaschine nicht einem göttlichem Organismus gleicht, sondern einem Uhrwerk.“ Die im 14. Jahrhundert erfundene mechanische Uhr wurde zu einer zentralen Metapher für das neue Zeitalter.
Das menschliche Selbst ist keine Maschine
Doch erst in der Epoche des Dreißigjährigen Krieges (1618 – 1648) – eine weitere Generation später – traten Philosophen und Naturforscher wie René Descartes, Pierre Gassendi und Thomas Hobbes auf den Plan, die nicht nur die Planetenbewegungen, sondern auch die gesamte lebendige Welt als eine Maschine betrachteten – wobei Descartes den menschlichen Selbst davon ausnahm. Fabian Scheidler fügt hinzu: „Es wäre allerdings irreführend zu glauben, dass dieser kosmologische Umbruch bereits im 17. Jahrhundert die ganze Gesellschaft erfasst hätte.“
Zum einen waren die Ansichten der Mechanisten zu ihrer Zeit und auch noch Jahrhunderte später Gegenstand erbitterter Kontroversen, auch unter Wissenschaftlern. Fabian Scheidler weiß: „Zum anderen beschränkte sich die mechanistische Philosophie zunächst auf eine bestimmte Schicht von – fast ausschließlich männlichen – Gelehrten und Ingenieuren sowie Kaufleuten, Fabrikbesitzern, Regenten und Militärs, deren Art, mit der Welt umzugehen, durch die neue Lehre reflektiert und legitimiert wurde.“ Quelle: „Der Stoff aus dem wir sind“ von Fabian Scheidler
Von Hans Klumbies
