Menschen sehen sich nach der Ursprünglichkeit der Natur

Die Natur steht für das Beharrliche, das wertvoller wird, wenn Veränderungen das Leben dominieren. Wilhelm Schmid ergänzt: „Sie ist das Nichttechnische, Ursprüngliche, nach dem Menschen sich sehnen, je mehr die jeweils neueste Technik das Leben bestimmt. In den ungreifbaren, unsinnlichen Welten der Virtualität wächst erst recht das Bedürfnis nach der greifbaren, sinnlichen Erfahrbarkeit einer Realität, die lange vor den Menschen da war und lange nach ihnen noch da sein wird.“ Die Natur ist das Basislager, von der das Menschsein ausgeht. Sie wird wieder zur Heimat, die sie immer war, auch als sie nur noch das war, was draußen ist, wenn das Autofenster geöffnet wird. Heimat heilt, und in besonderem Maße gilt das für die Heimat in der Natur. Wilhelm Schmid lebt als freier Philosoph in Berlin.

Menschen sind ergriffen beim Anblick von Landschaften

Die Nähe zur Natur macht Menschen gelassener, lässt sie durchatmen, weitet ihren Blick, ihre Seele, ihren Geist und bringt sie ihren Ursprüngen wieder näher. Denn woher sollten sie kommen, wenn nicht aus ihr? Wohin sollten sie zurückkehren, wenn nicht zur ihr. Wilhelm Schmid erklärt: „Der flüsternde Wald vermittelt Geborgenheit, die weite Ebene Freiheit. Menschen sind ergriffen beim Anblick von Landschaften, die lange vor ihnen da waren, und erfahren ihr Leben als einzigartige Gelegenheit, das alles sehen und daran teilhaben zu dürfen.“

Jeder Mensch ist mit der Natur verwurzelt, aber in der Moderne war davon nicht mehr viel zu spüren. Wilhelm Schmid stellt fest: „Die Natur trug allenfalls zum Urlaubsvergnügen bei, die südliche Küste zum süßen Leben, das hohe Gebirge zum Staunen-Können über die Erhabenheit dessen, was ganz allein für sich allein existiert.“ Darüber geriet in Vergessenheit, dass die Natur Menschen auch befremden kann, wenn eine Katastrophe hereinbricht, die sie zur Ohnmacht verdammt und Leben zerstört, ohne dass der Natur irgendwelche Absichten unterstellt werden könnten.

Menschen sind teilweise ein Produkt ihrer eigenen Kultur

Die Natur gibt Menschen Heimat, kann sie ihnen aber auch nehmen, daran erinnerte die Tsunami-Katastrophe, die 2004 Hunderttausende in Südostasien das Leben kostete. Aber handelt es ich dabei immer um reine Natur? Wirkt nicht der Mensch längst selbst auf die Natur ein? Wilhelm Schmid erläutert: „Insofern die Pflanzen kultiviert und optimiert werden, handelt es sich um geschaffene Natur. Nicht nur höhere Mächte arbeiten an der Natur, sondern auch Menschen, die von Alters her Pflanzen züchten, Haustiere domestizieren, Felder und Wälder bewirtschaften.“

Menschen legen fest, wo etwas wachsen darf. Sie selbst sind bei alldem auch schon lange nicht mehr naturbelassen, sondern zumindest teilweise ein Produkt ihrer eigenen Kultur, die aus allem besteht, was sie organisieren, herstellen, erfinden, bearbeiten, pflegen und in diesem Sinne „kultivieren“, wie auch immer das zu bewerten sein mag. Wilhelm Schmid schreibt: „Die gesamte Kultur kann als eine Art von Gewächshaus betrachtet werden, in dem die menschliche Natur bearbeitet und „zivilisiert“, nämlich zum Zusammenleben in der Gesellschaft befähigt wird.“ Quelle: „Heimat finden“ von Wilhelm Schmid

Von Hans Klumbies