Die meisten Menschen denken in begrenzten Zeitdimensionen

Die meisten Menschen lokalisieren sich in größeren Zeit- und Raumdimensionen. Dabei denken sich nicht über das Leben jenseits ihrer vier Wände nach, geschweige denn jenseits der Landesgrenzen – und meist auch nicht darüber, ob gerade ein autoritäres Regime aufzieht wie Wetterleuchten am Horizont. Ulrike Guérot schreibt: „Dass die meisten Landesgrenzen früher anders gezogen waren, dass man vor wenigen Jahrzehnten nicht in einer Demokratie gelebt hat, dass es Könige gab und gibt, Freiheit und Friede keine Selbstverständlichkeiten sind, dass das Geld vor 35 Jahren noch nicht Euro hieß und das Internet, so wie wir es heute kennen, erst rund fünfundzwanzig Jahre alt ist: Das alles überdenken die meisten nicht täglich auf ihrem Weg von zuhause ins Büro.“ Ulrike Guérot ist Politikwissenschaftlerin und Publizistin.

Die Zeitenwende ist nur eine Beschönigung für den Krieg

Selten waren die vier berühmten Fragen von Immanuel Kant so aktuell wie heute: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch? Ulrike Guérot stellt fest: „Heute weiß Google, ChatGPT oder die Cloud alles, tun muss man möglichst wenig, hoffen darf man kaum noch etwas und der Mensch fusioniert gerade mit der Maschine.“ Intelligente Menschen beantworten fast die täglich die Frage „Ich bin ein Mensch“, wenn sie sich in irgendein Sicherheitssystem im Internet anwählen und demonstrieren sollen, dass sie eben ein Mensch und kein Roboter sind.

Insofern sind wohl tatsächlich in einer Zeitenwende, aber in einer, die etwas anderes ist als nur ein Euphemismus für Krieg. Ulrike Guérot erklärt: „Erzählt wird derzeit, dass die Zeitenwende Krieg bedeutet: Wegen Putin oder Trump ist jetzt alles anders. Das soll wohl von den ganz grundsätzlichen gesellschaftlichen Veränderungen ablenken, die gerade gleichsam „unter Deck“ passieren.“ Denn genau das ist ein Krieg: ein fundamentaler Reset für eine Gesellschaft, eigentlich eine Art Ablenkungsmanöver.

Krieg ist das Projekt zur Beschneidung des Sozialstaates

Wenn eine Gesellschaft in ihren Gewohnheiten umgepflügt werden soll, wenn Dinge durchgesetzt werden sollen, auf die sich freie, denkende, gleichberechtigte und mündige Bürger niemals einlassen würden, dann wird eben Krieg gemacht oder sonst ein Notstand ausgerufen. Ulrike Guérot fügt hinzu: „Krieg ist das Projekt zur Beschneidung – oder zur vollständigen Entsorgung? – des Sozialstaates zugunsten des militärisch-industriellen Komplexes.

Der brillante Johannes Agnoli hat schon 1967 in seinem Klassiker „Die Transformation der Demokratie“ konstatiert, dass eine „oligarchisch-autoritäre Praxis“ immer dann einen Notstand erzeugt, wenn ein erwünschter technologischer, meist repressiver Wandel in der Gesellschaft ansonsten nicht schnell genug durchgesetzt werden könne. Ulrike Guérot nennt ein Beispiel: „Wenn jeder mit Inflation zu kämpfen, gar Hunger hat beziehungsweise die Heizungsrechnung nicht bezahlen kann, dann werden Bürger in verschiedenen Formationen gegeneinander aufgebracht, um die gesellschaftliche Solidarität zu sprengen.“ Quelle: „Zeitenwenden“ von Ulrike Guérot

Von Hans Klumbies