Bei der Berichterstattung haben die Medien eine große Verantwortung

Das hohe Lied auf die Pressefreiheit hat eine zweite Stimme, die oft überhört wird: die Verantwortung der Medien. Wenn sie fehlt, klingt es nicht richtig. Helene Bubrowski erklärt: „Es gibt die Regeln des Presserechts und den Pressekodex, also die ethischen Standards, die sich Journalisten selbst gesetzt haben.“ Da steht zum Beispiel drin, was Medienvertreter beim Verdacht einer Straftat zu beachten haben, etwa dass es keinen „Medien-Pranger“ geben darf. Neben den geschriebenen Regeln gibt es noch eine andere Ebene, die mit dem englischen Ausdruck „accountability“ am besten beschrieben ist: die Bereitschaft, sich seiner Verantwortung zu stellen und Rechenschaft abzulegen, das Bewusstsein der eigenen Macht und der sorgsame Umgang damit. Helene Bubrowski arbeitet als Politikkorrespondentin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung im Berliner Hauptstadtbüro.

Ein Thema darf nicht zu eine Kampagne ausarten

Justiziabel ist das nicht, aber daraus lassen sich wichtige Verhaltensregeln für die Arbeit in Redaktionen ableiten, zum Beispiel das Vier-Augen-Prinzip – möglichst mehr als vier – für Texte, Überschriften, die Bildauswahl. Helene Bubrowski ergänzt: „Dazu gehört auch, ob ein Thema wirklich ein Thema ist und keine Kampagne. Und nicht zuletzt ein gewissenhafter Umgang mit eigenen Fehlern.“ Eine neue Fehlerkultur in der Politik kann ohne kritische Presse nicht funktionieren. Kritisch ist hier in einem doppelten Sinne gemeint: gegenüber Politikern, aber auch gegenüber der eigenen Arbeit.

Es wäre wohlfeil, von Politikern einen offeneren Umgang mit ihren Fehlern zu fordern und ihnen dann medial daraus wieder einen Strick zu drehen. Helene Bubrowski fügt hinzu: „Medienvertreter dürfen nicht nachsichtig sein, aber sie verraten ihre Aufgabe, wenn sie sich nur noch von Klickzahlen antreiben lassen.“ „Bundeskanzler unter Druck“ ist eine Schlagzeile, die gut funktioniert. Aber Verantwortung bedeutet, sie nicht allein deshalb immer wieder aufzuschreiben.

Politiker dürfen vor den Medien keine Angst haben

Der Kommunikationswissenschaftler Bernhard Pörksen beobachtet in Gesellschaft und Medien eine „Lust an der Demontage“ und zugleich eine Sehnsucht nach einer Erlöserfigur. Verdammen und verherrlichen. Aus der medialen Logik folgt ein Teufelskreis, den er so beschreibt: „In der Kombination aus Beobachtungsdruck und Reaktionszwang, Authentizitätsverlangen und Perfektionssehnsucht programmiert diese Gesellschaft den politischen Burn-out. Und sie züchtet, ob sie will oder nicht, den Typus des kleinmütigen, visionsfeindlichen, sich hinter Phrasen verschanzenden Angstpolitikers, den sie dann verachtet.“

Der Medienrechtler Christian Schertz will nicht, dass Politiker vor Medien Angst haben. Helene Bubrowski weiß: „Er versteht es als seine Aufgabe, sie zu schützen und bei Angriffen zurückzuschlagen.“ Einer seiner Sätze lautet: „Immer noch mal drauftreten, das ist die Mentalität vieler Medien.“ Der Anwalt erzählt, wie oft und dreist Journalisten die Grenzen überschritten. Unerlaubte Urlaubsfotos, Berichte über das Intimleben von Promis, Geschichten über deren Kinder, da wirft sich Christian Schertz mit Verve vor seine Mandanten. Quelle: „Die Fehlbaren“ von Helene Bubrowski

Von Hans Klumbies