Die Liebe ist die größte der drei Tugenden

„Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Hoffnung ist die Kleinste unter ihnen.“ Hartmut von Sass erklärt: „Selbst diejenigen unter uns, das das Neue Testament kaum mehr in die Hand nehmen – was ein großer Fehler ist –, werden bemerken, dass hier etwas nicht stimmt.“ Hatte der viel gescholtene Apostel Paulus nicht davon gesprochen, dass die Liebe die größte der drei Tugenden sei? Ganz genau so ist es – aber das bestätigt ja gerade die winzige Umformulierung jenes berühmten Satzes aus dem Ersten Brief an die Gemeinde in Korinth. Von Glauben und vor allem Liebe ist allerorten und ausführlich die Rede; nicht nur bei Paulus, der einmal der Saulus gewesen ist, sondern auch in der philosophischen Literatur. Prof. Dr. Hartmut von Sass ist Titularprofessor für Systematische Theologie und Religionsphilosophie sowie Inhaber einer Heisenberg-Stelle an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Die Hoffnung ist eines der wesentlichen Kapital der Existenz

Die Hoffnung scheint jedoch eher ein marginalisierter Klassiker zu sein. Oder vielleicht eher eine klassische Marginalie? In jedem Fall haben wir es hier mit einem durchaus erstaunlichen Missverhältnis zu tun. Hartmut von Sass erläutert: „Einerseits ist doch die Hoffnung eines der wesentlichen Kapitel unserer Existenz; andererseits hat dieses Thema kaum ein intellektuelles Interesse geweckt, das jeder Prominenz und Relevanz auch nur von Ferne entsprechen wurde.“

Das ist einmal ganz anders gewesen. Man denke an den Boom der Hoffnungsliteratur vor alle der Nachkriegszeit. Die Titel dieser Jahre mögen manchen immer noch geläufig sein: etwa Ernst Blochs monumentales, aber auch ornamentales „Prinzip Hoffnung“; oder die davon stark beeinflusste „Theologie der Hoffnung“ von Jürgen Moltmann – das vielleicht weltweit bestverkaufte Buch des gesamten Faches im 20. Jahrhundert; oder das all dem vorausgehende Plädoyer für eine „absolute“ Hoffnung im Hauptwerk des französischen Existenzialisten Gabriel Marcel, „Homo Viator“.

Die zeitbedingte Interesse an der Hoffnung nahm rasch ab

Hartmut von Sass stellt fest: „Doch schnell nahm jenes wohl überaus zeitbedingte Interesse ab – ein Interesse, das ja gerade der katastrophischen Phase unserer Geschichte folgte. Die Gründe hierfür sind vielfältig.“ Erstens historische: Es mag in den 1960er Jahren vielleicht eher ums Machen, nicht mehr ums Hoffen gegangen sein. Zweitens politische: Die Konsolidierung der Verhältnisse ist nun einmal kein gutes Pflaster für die Hoffnung und ihr kritisches Engagement.

Drittens: sozial-gesellschaftliche: Das Versprechen des kollektiven Aufstiegs dominierte und eben nicht die Hoffnungen, die stets mit der drohenden Nicht-Erfüllung konfrontieren. Viertens aber auch intellektuelle, mithin philosophische. Hartmut von Sass weiß: „Die Spanne der Aufmerksamkeit ist bemessen, und schnell gelangten andere Themen – vor allem sprachphilosophische – auf die Tagesordnung, um die alte Agenda abzulösen: „linguistic turn“ statt Vermessung der zukünftigen Welt.“ Quelle: „Außer sich sein“ von Hartmut von Sass in Philosophicum Lech Band 26 „Alles wird gut“

Von Hans Klumbies