Die langen Revolutionen unserer Zeit verliefen alle in kleinen Schritten

Die Faszination für das Revolutionäre ist getragen von der Vorstellung, über Nacht könnte alles anders werden. Doch war es jemals sinnvoll zu glauben, ein Regime Chance werde alles verändern? Rebecca Solnit weiß: „Die langen Revolutionen unserer Zeit, sei es hinsichtlich Gender, Umweltbewusstsein oder Kampf gegen Rassismus, verliefen alle in kleine Schritten und spielten sich weitgehend auf kultureller Ebene ab, auch wenn sie sich dann als konkrete Veränderungen In Gesetzgebung, Politik oder Finanzierung auswirken.“ Vielleicht liegt das Problem in einer Gleichsetzung von „Nachrichten“ und „Neuigkeiten“. Nichts ist wirklich neu, alles hat eine Geschichte. Rebecca Solnit war immer wieder Zeugin von Wandel, manchmal auch als Mitwirkende. Rebecca Solnit ist eine der bedeutendsten Essayistinnen und Aktivistinnen der USA. Sie ist Mitherausgeberin des Magazins „Harper´s“ und schreibt regelmäßig Essays für den „Guardian“.

Viele Menschen erkennen den Wandel nicht

Rebecca Solnit hat so viele Menschen erlebt, die den Wandel nicht sehen, die glauben, er sei unmöglich, die voreilig weggehen und sich verächtlich über die Ausharrenden äußern, eben weil ihnen die Perspektive fehlt. Rebecca Solnit erinnert an Marin Luther Kings denkwürdigen Ausspruch: „Der Bogen des moralischen Universums ist lang, doch er neigt sich in Richtung Gerechtigkeit.“ Wohin er sich tatsächlich neigt, steht zur Debatte – in letzter Zeit scheinen es eher andere Richtungen zu sein – und ebenso wie er sich biegen lässt.

Die Republikaner in den USA sind bekannt für ihre langfristige Machtstrategie: den eigenen Einfluss von unten ausbauen, zunächst auf lokaler Ebene ans Ruder kommen, dann Bundesstaaten übernehmen, dort die legislative Kompetenz missbrauchen, um den Zuschnitt der Wahlkreise zu manipulieren, sich damit trotz Stimmenminderheit auf nationaler Ebene nach und nach an die Regierung zu tricksen und die Demokratie zu etwas Schlechterem umbiegen.

Die Konservativen sind nicht die einzig Hartnäckigen

Zum Glück sind die Konservativen nicht die einzig Hartnäckigen. Beispiele gibt es überall. Rebecca Solnit erklärt: „2020, nach 31 Jahren gemeinsamer Aktion, konnte das Great Basin Water Network, ein Bündnis aus Viehzüchtern, Indigenen aus Nevada und Landbevölkerung, endgültig das Vorhaben der Stadt Las Vegas abschmettern, einer der trockensten Gegenden des Kontinents Wasser zu entziehen.“ Der Plan war, jährlich rund 200 Milliarden Liter aus dem östlichen Nevada abzuleiten, und hätte Flora, Fauna und ländliche Gemeinden gleichermaßen verwüstet zurückgelassen.

Eric Siegel von der Zeitschrift „High Country News“ fasst zusammen: „Die sogenannte Vegas-Pipeline hätte aus 305 Quellen, 112 Meilen Fließgewässern, 8.000 Morgen Sumpfgebiet und 191.000 Morgen Buschland eine Staubwüste gemacht.“ Über einen Großteil dieses Zeit schien der Kampf aussichtslos. Rebecca Solnit nennt ein Beispiel: „Und dasselbe gilt für viele weitere Kampagnen – etwa die studentische Bewegung mit dem Ziel, dass die Universität Harvard auf fossile Brennstoffe verzichten sollte; nach zehn Jahren, 2021, war es erreicht.“ Quelle: „Umwege“ von Rebecca Solnit

Von Hans Klumbies