Die Kooperation scheint intrinsisch angelegt zu sein

Würden Sie nicht auch dichthalten und sich weigern, Ihren Komplizen zu verpfeifen? Ist das nicht eine Frage der Ehre? Hanno Sauer erklärt: „Selbst Diebe kennen Regeln, soll Cicero gesagt haben, und auch Studenten weigern sich fast immer, die Logik zweckrationalen Handelns anzuerkennen; sie müssen regelrecht dazu erzogen werden, die Vorteile nicht-kooperativen Verhaltens einzusehen.“ Wenn es Ihnen genauso geht, zeigt das, das Ihr moralischer Kompass funktioniert. Es bestätigt auch die These, dass kooperative Instinkte wahrscheinlich angeboren sind. Die Tatsache, dass Sie das gemeinschaftliche Handeln intuitiv attraktiv finden und gegenüber Trittbrettfahrern sogar Wut und Empörung verspüren, zeigt, dass die Evolution bei uns Menschen im Verlauf eines viele Millionen Jahre andauernden Lernprozess soziale Präferenzen installiert hat, die uns Kooperation als intrinsisch geboten erscheinen lassen. Hanno Sauer ist Associate Professor of Philosophy und lehrt Ethik an der Universität Utrecht in den Niederlanden.

Auf Unfairness reagieren schon kleine Kinder allergisch

Menschen müssen nicht erst lernen, wie Kooperation funktioniert. Hanno Sauer stellt fest: „Dass unsere Kooperationsfähigkeit angeboren ist, bleibt eine kontroverse Behauptung, die man nicht mit mathematischer Sicherheit beweisen kann. Gleichzeitig lassen sich robuste Hinweise darauf finden, dass ein Verhaltensmuster angeboren ist oder, technisch genauer, evolutionär stark kanalisiert ist.“ Immer dann, wenn sich eine Fähigkeit (a) sehr früh entwickelt, (b) in allen Kulturen vorkommt und (c) nur schwer oder gar nicht geändert werden kann, liegt ein exzellenter Kandidat für eine „hartverdrahtete“ Disposition vor.

Genau das ist bei unserer Moral der Fall. Vor allem, dass protomoralische Tendenzen bereits überraschend früh auftreten, lässt sich inzwischen sehr gut nachweisen. Hanno Sauer erläutert: „Mithilfe von Betrachtungszeitstudien kann man zeigen, dass unter zwölf Monate alte Kleinstkinder vorzugsweise Figuren und Formen zuschauen, die sich hilfreich verhalten, verglichen mit solchen, die andere zu behindern oder diesen zu schaden scheinen.“ Auch auf Unfairness reagieren schon kleine Kinder allergisch: Übeltäter für ihre Vergehen zu bestrafen ist eine spontane Reaktion, die nicht gelernt werden muss.

Menschen und Affen sind sehr verschieden

Hypothesen über uns Menschen werden gerne – ähnlich wie Medikamente – an Affen getestet. Aber dieser Ansatz bleibt sehr gegrenzt. Hanno Sauer weiß: „Die Tatsache, dass sich bestimmte Fähigkeiten bei diesen oder jenen Primaten finden, kann eigentlich genauso gut als Beleg dafür angesehen werden, dass diese Fähigkeiten unsere menschliche Moral eben gerade nicht erklären können.“ Menschen und Affen sind sehr verschieden und tun sehr verschiedene Dinge.

Sobald sich also eine Eigenschaft in Primaten wiederfindet, kann sie allein deshalb schon nicht zur Erklärung für spezifisch menschliches Verhalten dienen. Hanno Sauer fügt hinzu: „Auch die menschliche Moral muss also authentischer sein und tiefer gehen als von Zynikern angenommen, die unsere Werte für Potemkinsche Dörfer halten.“ Ein moderne, wissenschaftliche fundierte Genealogie der Moral muss vor allem eines erklären: Wie ist es uns Menschen gelungen, kooperative Dispositionen zu entwickeln, obwohl diese evolutionär instabil sind. Quelle: „Moral“ von Hanno Sauer

Von Hans Klumbies