Die neue Sonderausgabe des Philosophie Magazins trägt den Titel: „Konservatismus. Eine bewahrenswerte Haltung?“ Chefredakteur Jana Glaese schreibt im Editorial: „Anstatt jeden Trend mitzumachen, lässt sich der Konservative nicht so leicht beeindrucken. Sobald Skepsis und die Sehnsucht nach dem Alten alles Neue unterdrücken, läuft diese Grundhaltung allerdings Gefahr, ins Reaktionäre zu kippen.“ Umso dringlicher stellt sich die Frage, was eine demokratische Gesellschaft von Konservatismus erwarten kann. Ein Konservatismus in Bestform vermag es, Vergangenheit und Zukunft, Tradition und Fortschritt zu verschränken. Denn: Nur wer das Alte kennt, kann virtuos Neues schaffen. Und nur wer sieht, was sich ändern muss, kann sich Bewährtes zunutze machen. Tradition und Transformation sind nicht notwendig Gegensätze. Im festen Fall gehen sie Hand in Hand. Diese Ausgabe widmet sich deshalb der konservativen Denkströmung in ihrer ganzen Vielgestaltigkeit.
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Auf Amazon ansehenNicht jede Überlieferung ist erhaltenswert
Für den Autor und Literaturkritiker Denis Scheck heißt Konservativsein, die Gegenwart nicht für alternativlos zu halten. Die Beschäftigung mit der Literatur trainiert den Möglichkeitssinn. Die Literaturwissenschaftlerin und Modetheoretikerin Barbara Vinken erklärt: „Das ewige Fortschreiten, mit großen Schritten der Sonne entgegen, ist zu mühselig. Da halte ich es eher mit der Einsicht: Wer keine Vergangenheit hat, hat keine Zukunft.“ Laut der Politikerin Sahra Wagenknecht ist nicht jede Überlieferung erhaltenswert. Trotzdem hat der Konservatismus ihrer Meinung nach eine Botschaft, die nicht überholt ist: Gemeinsame Traditionen und kulturelle Prägungen stiften Vertrauen und Zusammenhalt.
Institutionelle Bildung ist für Peter Sloterdijk der Kern eines reflektierten Konservatismus, der in das Lob der Institutionen münden müsste. Das heißt, man muss die Schule als Basisinstitution allen gesellschaftlichen Lebens bejahen. Europa hat von der Ära der Renaissance wie eine Welthochschule funktioniert. In historischer Sicht ist für den Philosophen evident, dass es den Konservatismus nur als reaktive Antwort auf die Grunderfahrung moderner Zeiten geben konnte, das heißt, das Netzwerk aus politischen, monetären und technischen Revolutionen.
Nur die Technik kann die Folgeprobleme der Technik lösen
Der Philosoph und Medienwissenschaftler Norbert Bolz vertritt die Ansicht, dass Konservative das technologische Erbe der Aufklärung verteidigen. Er findet das Leben aufgrund der technischen Entwicklung sehr lebenswert, trotz aller Gefahren. Norbert Bolz fügt hinzu: „Das stärkste Argument, das ich vorbringen könnte für Technikaffinität, ist jedoch, dass alle Probleme, die wir haben, nur technisch gelöst werden können. Nicht durch Askese, den Griff nach der Notbremse oder Zerstörung der Maschinen. Das ist ein Wahn. Nur Technik kann die Folgeprobleme der Technik lösen.“
Von Anhängern der Kritischen Theorie ist selten Gutes über den Konservatismus zu hören. Doch Max Horkheimer, Mitbegründer der Frankfurter Schule, verstand den Begriff durchaus positiv und hielt in für aussagekräftiger als die gängige Unterscheidung zwischen rechts und links. Wichtig ist nicht, ob jemand rechts oder links ist, sondern ob das, was er schreibt, sagt und tut, der Wahrheit verpflichtet ist oder sie als Material von Taktiererei eigenen und fremden Machtkämpfen ausliefert. In diesem Sinn ist Konservatismus immer widerständig: Er macht die Wahrheit, um die es ihm geht, gegen jene geltend, die sich ihrer nur bedienen, statt mit ihr Politik zu machen.
Von Hans Klumbies
