Die kommerzielle Erzeugung von Atomstrom begann 1956

Vaclav Smil blickt zurück: „Das Zeitalter der kommerziellen Erzeugung von Atomstrom begann am 17. Oktober 1956, als Queen Elisabeth II. mit dem Kippen eines Schalters das Kraftwerk Calder Hall an der Nordwestküste Englands in Betrieb nahm.“ Sechzig Jahre ist lange genug, um ein vorläufiges Urteil über die Technik zu fällen, und Vaclav Smil sieht sich nach wie vor nicht in der Lage, seine vor über einem Jahrzehnt abgegebene Bewertung zu revidieren: ein „erfolgreicher Fehlschlag“. Der „erfolgreiche“ Teil ist gründlich dokumentiert. Nach einem langsamen Anlaufen begann der Bau von Atomreaktoren in den späten 1960er Jahren Fahrt aufzunehmen, und 1977 kamen in den USA schon mehr als zehn Prozent des elektrischen Stroms aus Kernkraftwerken; 1991 waren es zwanzig Prozent. Vaclav Smil ist Professor für Umweltwissenschaften an der University of Manitoba.

Die Probleme mit dem Atomkraftwerken häuften sich

Das war immerhin eine schnellere Marktdurchdringung, als Photovoltaik und Windkraftanlagen sie seit den 1990er Jahren geschafft haben. Vaclav Smil stellt fest: „Ende 2019 gab es auf der Erde 449 in Betrieb befindliche Atomkraftwerke – und 53 im Bau befindliche, viele davon mit einem Kapazitätsfaktor von über 90 Prozent. Der Kapazitätsfaktor gibt an, wie viel Prozent seines potenziell möglichen Jahresoutput ein Kraftwerk tatsächlich schafft.“ Unter dem Strich erzeugen die aktiven Atomkraftwerke etwas mehr elektrischen Strom wie Photovoltaik und Windkraft zusammen.

Im Jahr 2018 lag der Anteil nuklear erzeugten Stromes an der Stromproduktion in Frankreich bei rund 72 Prozent, in Ungarn bei 50, in der Schweiz bei 38 und in Südkorea bei 24 Prozent. IN den USA lag er bei knapp unter 20 Prozent. Vaclav Smil weiß: „Das Vorhaben, die Energie der Kernspaltung für die Stromerzeugung zu nutzen, geriet im Verlauf der 1980er Jahre ins Stocken, zum einen weil in der wohlhabenden Welt der Stromverbrauch stagnierte und zum anderen, weil sich die Probleme mit den Kernkraftwerken häuften.“

Deutschland steigt aus der Kernkraftnutzung aus

Drei große Unfallereignisse lösten schwere Bedenken aus: Three Mile Island in Pennsylvania 1979, Tschernobyl in der Ukraine 1986 und Fukushima in Japan 2011 lieferten all denen, die der Kernspaltung grundsätzlich ablehnend gegenüberstanden, neue Beweise für ihre Vorbehalte. Vaclav Smil fügt hinzu: „Hinzu kamen Kostensteigerungen beim Bau neuer Kernkraftwerke und ein frustrierendes Unvermögen, akzeptable Lösungen für eine sichere Endlagerung verbrauchter Brennstäbe zu finden.“

Auch bei der Entwicklung neuer Reaktortypen, die nach Möglichkeit schneller und sicherer wären als die noch immer vorherrschenden Druckwasserreaktoren, ist man nicht wesentlich weitergekommen. Vaclav Smil ergänzt: „Die Folge: Menschen in den westlichen Ländern bleiben skeptisch, die Energiekonzerne verunsichert; Deutschland steigt aus der Kernkraftnutzung aus, sogar Frankreich plante eine Reduzierung des Atomstromanteils, kündigte nun aber den Bau neuer Reaktoren an.“ Quelle: „Zahlen lügen nicht“ von Vaclav Smil

Von Hans Klumbies