Die Kolonialzeit wirkt bis in die Gegenwart nach

Um 1500 beginnt ein neues Zeitalter Europas und der Menschheit auf verschiedensten kulturgeschichtlichen Sektoren, die alle auch dramatische Rechtsfolgen hatten. Mit der Entdeckungsfahrt des Christopher Kolumbus fängt ein Zeitalter der Entdeckung und Eroberung der neuen Welt an, die zugleich eine Geschichte der Kolonisation der neu entdeckten Territorien einleitete. Silvio Vietta weiß: „Das war ein Prozess, der für die indigenen Bevölkerungen dieser Territorien katastrophal war, weil sie nicht als Rechtssubjekte im europäischen Sinne galten und daher rechtlos warne und somit versklavt oder auch umgebracht wurden.“ Das galt zunächst für die Bevölkerung Nord- und Südamerikas, aber ebenso für die Ureinwohner von Afrika, Neuseeland, Australien und anderer Zonen der Erde. Prof. em. Dr. Silvio Vietta hat an der Universität Hildesheim deutsche und europäische Literatur- und Kulturgeschichte gelehrt.

Die neue Kriegstechnik hatte innerhalb Europas verheerende Folgen

Die damit entstanden Folgelasten wirken auch über das Ende der Kolonialzeit hinweg bis in die Gegenwart nach. Waffentechnisch markiert die Neuzeit den Übergang von Handwaffen wie Schwert und Lanze zu Feuerwaffen. Silvio Vietta ergänzt: „Die Eroberungsgeschichte ist ohne Waffenentwicklung nicht denkbar, weil die europäischen Eroberer zwar zahlenmäßig den indigenen Völkern zunächst weit unterlegen waren, durch ihre Feuerwaffen jedoch weit überlegen und daher siegreich über die älteren Kulturen und deren Kriegsstrategien.“

Die Kriegstechnik mit den immer verbesserten, immer zielgenaueren, immer weiter reichenden Feuerwaffen hatte nun auch innerhalb Europas verheerende Folgen. Das zeigen schon der Dreißigjährige Krieg von 1618 – 1648, die Napoleonischen Kriege ab 1798 und – noch in ganz anderem Ausmaße weltweit – die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts. Silvio Vietta stellt fest: „All diese Kriege haben Formen von Zerstörung, Massentötung, Massenplünderung und Vergewaltigung hervorgebracht. Also schreckliche Phasen nicht nur der Rechtsunsicherheit, sondern der Vernichtung und Auslöschung von Menschen – zunehmend dabei auch der Zivilbevölkerung.“

Die ganze Neuzeit hindurch entwickelten sich neue soziale Schichten

Ein besonders schreckliches Kapitel in dieser Geschichte ist der deutsche Holocaust durch seine fabrikmäßige Form der Menschenvernichtung. Mit dem Umbruch der Waffentechnik verbinden sich auch soziale Folgen, so der Niedergang des Rittertums. Silvio Vietta erklärt: „1525 kam es auch zu Bauernaufständen gegen den Adel, an denen auch Städter und Bergleute teilhatten, die aber brutal niedergeknüppelt wurden, dies auch mit Segen Martin Luthers.“

Die ganze Neuzeit hindurch entwickelten sich mit den technisch-ökonomischen Dynamiken auch neue soziale Schichten – mit der Industrialisierung der Proletariat, die Angestellten, die moderne Massengesellschaft – bei Machtverlust der alten, insbesondere des Adels und Klerus, letztere aber endgültig erst nach dem Ersten Weltkrieg.“ Silvio Vietta fügt hinzu: „Alle diese Umbrüche sind auch mit revolutionären Begleitumständen und deren Rechtsunsicherheiten verbunden, die erst nach und nach in neue Rechtsformen überführt werden.“ Quelle: „Europas Werte“ von Silvio Vietta

Von Hans Klumbies