Die KI ist die größte technische Revolution unserer Zeit

Das Titelthema des neuen Philosophie Magazin 04/2026 lautet: „KI und Ich“. Chefredakteurin Svenja Flaßpöhler schreibt in ihrem Editorial: „Nie und nimmer wird Künstliche Intelligenz (KI) ein adäquater Gesprächspartner sein können. Ihr fehlt die Leiblichkeit. Die Sinnlichkeit. Die Geschichte. All das braucht es aber, um ein Individuum zu sein, das eine Innenwelt besitzt. Deshalb kann ich Chatbots einfach nicht ernst nehmen, habe kein starkes Bedürfnis, mit ihnen in Kontakt zu treten.“ Dennoch hat sie beeindruckt, dass der renommierte australische Wissenschaftsphilosoph David Chalmers sein Sichtweise inzwischen verändert hat. War Chalmers lange davon ausgegangen, dass eine KI mit Bewusstsein eher unwahrscheinlich ist, hält er diese Möglichkeit inzwischen für realistisch. Es ist ein Fakt, dass die Künstliche Intelligenz immer tiefer in unser Leben eindringt. Manche Menschen unterhalten sogar Beziehungen zu Chatbots. Zudem suchen sie Rat in existenziellen Fragen.

Die Sterblichkeit ist die Achillesferse der Narzissten

Wie bei allen Dingen, gibt es zur KI auch eine pessimistische Sichtweise. Für den Menschen ist eine KI-Beziehung nicht nur gefährlich, weil diese Beziehung schal, einseitig und auf Datenextraktion angelegt ist. Sondern auch, weil sie potenziell die Beziehungsfähigkeit beschädigt. Die KI nämlich steht immer zur Verfügung, versucht jedes Anliegen zu erfüllen und hat eine starke Neigung zu Schmeichelei: Sie bestätigt den Nutzer in seinen Ansichten und lobt ihn für Geringfügiges.

Für den Psychiater und Philosophen Thomas Fuchs ist die Sterblichkeit die Achillesferse der narzisstischen Persönlichkeit. Denn nach ihrem Verständnis von sich macht ja der Tod all das Steben nach Erfolg, Ruhm und Macht zunichte. Zudem steckt hinter all diesem ständigen Geltungsstreben und Bedeutsamkeitsstreben aber im Grunde eine tiefe innere Leere – das ist die existenzielle Seite des Narzissmus. Die Betroffenen versuchen, ihren inneren Mangel durch Selbstwertsurrogate zu füllen.

Die sokratische Suche sollte ausschließlich der Wahrheit verpflichtet sein

Die Rubrik „Klassiker“ wird diesmal von Martin Heidegger ausgefüllt. Anfang der 1920er-Jahre entwickelte der die These, der Mensch sei „Dasein“. Das war jetzt einzig und allein das Wesen, das von sich selbst zu sagen vermag: Ich bin da! Martin Heidegger entdeckte, dass das Dasein sich als Sorge versteht. Es sorgt nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere. Es sorgt für die Zukunft vor. Außerdem ging es Martin Heidegger um das von Menschen in ihrer jeweiligen Welt tatsächlich, faktisch gelebte Leben. Bei ihm galt: Er lebte, was er lehrte.

Das Buch des Monats heißt „Sokrates“. Geschrieben hat es die ungarisch-amerikanische Philosophin Agnes Callard. Die Autorin würdigt Sokrates nicht als elitären Architekten eines fest verfügten Gedankengebäudes, sondern ein Lehrmeister einer fluiden Erkenntnistechnik. Die sokratische Suche sollte ausschließlich der Wahrheit verpflichtet sein und stets bereit, alles sicher Geglaubte zu bezweifeln, in einem Fragespiel, dem die Überzeugung der eigenen, umfassenden Unwissenheit zugrunde lag. Das, befindet Agnes Callard, wirke im Dialog so ansteckend wie beflügelnd.

Von Hans Klumbies