In allen Kulturen gibt es Erzählungen davon, wie Leben entstanden ist und sich entwickelt hat. Fabian Scheidler weiß: „Dabei ist die Idee einer schrittweisen Veränderung von Lebewesen keineswegs erst von europäischen Forschern zu Zeit Charles Darwins aufgebracht worden.“ Der chinesische Daoismus etwa kannte schon vor mehr als 2000 Jahren die Vorstellung, dass sich Arten fortwährend verändern. Anaximander, ein griechischer Philosoph des 6. Jahrhunderts v. Chr., ging ebenfalls von fortlaufenden Metamorphosen der Lebewesen aus. Er nahm außerdem an, dass das Leben im Wasser entstanden ist. Der arabisch-andalusische Philosoph Ibn Chaldun aus Tunis vertrat im 14. Jahrhundert die Ansicht, dass sich Menschen aus Affen entwickelt haben könnten. Im Gegensatz dazu steht die Vorstellung, dass die Tier- und Pflanzenarten sowie der Mensch zu einem bestimmten Zeitpunkt in ihrer jetzigen Form geschaffen wurden und sich nicht wesentlich verändern. Der Publizist Fabian Scheidler schreibt seit vielen Jahren über globale Gerechtigkeit.
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Passende Bücher bei Amazon findenDie komplexesten Arten müssen die ältesten sein
Diese Auffassung vertrat etwa Platon und jene Teile der christlichen Kirchen, welche die Schöpfungsgeschichte der Genesis wörtlich auslegen. Fabian Scheidler stellt fest: „Schon lange von Charles Darwin forderten Philosophen und Forscher, darunter Denis Diderot, die platonisch-kirchliche Dogmatik einer statischen Schöpfung heraus.“ Die erste ausgearbeitete Theorie zur Entwicklung des Lebens legte Jean-Baptiste de Lamarck am Anfang des 19. Jahrhunderts vor.
Im Unterschied zur späteren Theorie Charles Darwins nahm Lamarck an, dass verschiedene Arten von Lebewesen unabhängig voneinander entstanden sind. Neue Entwicklungslinien des Lebens würden durch „Urzeugung“ aus unbelebter Materie entstehen. Fabian Scheidler erklärt: „Anstelle eines gemeinsamen Stammbaums sieht das lamarcksche Modell daher viele parallele Linien vor. Da Lamarck davon ausging, dass die Entwicklung stets zielgerichtet vom Einfachen zum Komplexen verläuft, schloss er, dass die komplexesten Arten auch die ältesten sein müssen.“
Alle Lebewesen sind miteinander verwandt
Erworbene Eigenschaften würden, so vermutete Jean-Baptiste de Lamarck, auf direktem Wege auf folgende Generationen weitergegeben. Die Vorfahren der Giraffen etwa hätten ihre Hälse immer weiter gestreckt, um an hohe Baumkronen zu kommen. Und diese Halsverlängerung haben sie an ihre Nachkommen vererbt. Charles Darwin war also keineswegs der Erste, der eine Evolution der Arten behauptete. Auch die Abstammung des Menschen vom Affen war bereits von Lamarck und anderen vermutet worden.
Die Veröffentlichung von Charles Darwins epochalem Werk „Die Entstehung der Arten“ im Jahr 1858 brachte das Thema der Evolution aber erstmals in eine breite Öffentlichkeit. Fabian Scheidler erläutert: „Darwin konnte in dem Werk einige Irrtümer Lamarcks korrigieren. Seine erste entscheidende Erkenntnis bestand darin, dass alle Lebewesen miteinander verwandt sind. Daher gehen sie letztlich auf gemeinsame Vorfahren zurück.“ Die gemeinsame Abstammung ist inzwischen durch Genomanalysen gut belegt. Quelle: „Der Stoff aus dem wir sind“ von Fabian Scheidler
Von Hans Klumbies
