Svenja Flaßpöhler schreibt: „Werden die Grenzen des Sagbaren eng gezogen, um gesellschaftlichen Zusammenhalt in schweren Zeiten zu gewährleisten, erreicht man unter Umständen das genaue Gegenteil: An die Stelle der Bindung tritt der Zerfall.“ In einer Streitkultur im Sinne von Sigmund Freud wäre das Mischungsverhältnis zwischen den Antagonismen stimmig. Aggressive Affekte finden eine sozial verträgliche Form, ohne die Differenz und die lebendige Kraft der Widerrede dabei preiszugeben. Es würde gekämpft, aber niemand vernichtet. Und an die Stelle des Konsenses, der vorausgesetzt wird, ohne dass in der Gesellschaft eine solche Einigkeit in Bezug auf eine konkrete Frage bestünde, träte die Offenheit eines argumentativen Schlagabtauschs, dessen Ende mit Spannung zu erwarten wäre. Wollten wir also heute von Sigmund Freund lernen, wäre dies seine Botschaft: Bindung entsteht nur, wo der Widerspruchsgeist nicht unterdrückt wird. Svenja Flaßpöhler ist promovierte Philosophin und Chefredakteurin des Philosophie Magazins.
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Passende Bücher bei Amazon findenIntimbeziehungen besitzen ein spezifisches Eskalationspotenzial
Nur Botschaft von Sigmund Freud gehört auch: Nur wo Aggressionen zur Sprache kommen, kann ihre zerstörerische Kraft in sozialen Zusammenhalt verwandelt werden. Nur wo die Differenz Raum hat, sind „größere Einheiten“ möglich. Intimbeziehungen besitzen, das zeigt nicht nur Svenja Flaßpöhlers Kindheitserfahrung, ein spezifisches Eskalationspotenzial. Mit Bekannten oder Kollegen lässt es sich vergleichsweise leicht streiten, ohne dabei Schläge unterhalt der Gürtellinie auszuteilen.
Dagegen werden Auseinandersetzungen unter Paaren nachgerade blitzartig persönlich und verletzend, arten aus in einen Kampf um Leben und Tod. Aber warum birgt ein Intimkrieg eine solche Explosivität? Weshalb gehe sich ausgerechnet Menschen, die sich nah sind, verbal derart schnell an die Gurgel? Svenja Flaßpöhler weiß: „Antworten finden sich in Georg Simmels Abhandlung „Der Streit“ aus dem Jahr 1908, die immer noch von hoher Aktualität ist. So rasant die Welt sich wandelt, ist die DNA der Beziehungsgrausamkeit heute offenbar immer noch dieselbe.“
Kämpfe sorgen für Dynamik im Zusammenleben
Georg Simmel analysierte die Eskalationsdynamiken in Nahverhältnissen mit größter Klarheit – und war doch weit davon entfernt, Paaren Harmonie anzuempfehlen. Svenja Flaßpöhler erklärt: „Vielmehr arbeitet er die Unerlässlichkeit des Streitens in Liebesbeziehungen präzise heraus. Denn, um es in Abwandlung des berühmten Helmut-Schmidt-Zitates zu sagen: Eine Liebe, in der nicht gestritten wird, ist keine.“ Und mit „Streit“ meint Georg Simmel nicht nur vordergründige, alltägliche Streitereien, sondern Konflikte, die bis zum Grund des Verhältnisses gehen.
Streit, so lautet Georg Simmels zentrale These, bedeutet nicht einfach drohendes Chaos und Zerfall, sondern ist gerade umgekehrt eine „Vergesellschaftungsform“. Svenja Flaßpöhler erläutert: „Erst durch Streit finden die Mitglieder einer Gruppe das rechte Verhältnis zueinander. Nähe und Distanz werden durch stete Dissonanzen austariert. Und: Kämpfe machen das Zusammenleben dynamisch, bewahren jede Ordnung vor tödlicher Erstarrung.“ Das gilt nun auch und gerade für Liebesbeziehungen, denen Georg Simmel in seiner Abhandlung ein besonderes Interesse widmet. Quelle: „Streiten“ von Svenja Flaßpöhler
Von Hans Klumbies
