Die Schaffung nationaler, kontinentaler und globaler Märkte verlangte eine Neuordnung von Raum und Zeit. Dazu war ein kühner Plan nötig. Jeremy Rifkin erklärt: „Die Zeit musste vom konkreten Ort gelöst und durch einheitliche Zeitzonen ersetzt werden, die auf der ganzen Welt Gültigkeit hatten.“ Großbritannien und die Vereinigten Staaten waren die ersten, die ihr Land in standardisierte Zeitzonen einteilten, um den Eisenbahnverkehr zu erleichtern. In den 1880ern riefen auch andere Nationen nach der Einführung einer Weltzeit. Im Oktober 1884 legte die Internationale Meridian-Konferenz den Londoner Vorort Greenwich als Nullpunkt des universellen Zeitsystems fest. Die französiche Regierung widersetzte sich und verlangte, das Observatorium von Paris zum Referenzpunkt zu erklären. Jeremy Rifkin ist einer der bekanntesten gesellschaftlichen Vordenker. Er ist Gründer und Vorsitzender der Foundation on Economic Trends in Washington.
Die Abstraktion von Raum und Zeit setzte sich im 20. Jahrhundert fort
Der Streit zog sich über Jahrzehnte hin. Erst 1912 auf der Internationalen Zeitkonferenz zu Paris wurde Greenwich ganz offiziell der Ort des Nullmeridians, und die beteiligten Nationen kamen überein, ihre Regionalzeiten zugunsten eines internationalen Zeitsystems aufzugeben. Jeremy Rifkin ergänzt: „Mit einem Schlag von regionalen Uhren und dem Rhythmus der Erde losgelöst und in einer neuen, globalisierten Wirtschaft dem Handel und der Logistik untergeordnet.“
Die Abstraktion, Rationalisierung und Komprimierung von Raum und Zeit setzte sich im 20. Jahrhundert fort, mit der Entdeckung von gewaltigen Erdöl- und Erdgaslagerstätten, der Einführung des elektrischen Stroms, der Einfühlung des Telefons, dem Zeitalter von Auto- und Flugreisen, der Erfindung von Rundfunk, Fernsehen, Computer, Internet, Künstlicher Intelligenz und der Herrschaft der Algorithmen des Global Positioning System (GPS). Jeremy Rifkin fest stellt: „Das alles hatte bleibende Auswirkungen darauf, wie wir Menschen Raum, Zeit und unsere gesamte Existenz wahrnehmen.“
Das Entscheidende im Mittealter war die Lehensbeziehung
Mit diesen neuen räumlichen und zeitlichen Koordinaten hat die Menschheit weite Sphären der Erde und der Geochemie, Physik und Biologie unseres Planeten in Besitz genommen und teilweise privatisiert. Jeremy Rifkin fügt hinzu: „Mit einem hedonistischen Eifer und einer Effizienz, wie sie in der kurzen Geschichte unser Spezies ohne Beispiel sind, haben wir diese Sphären erobert, geplündert und aufgezehrt.“ Leider übergehen die meisten Darstellungen des modernen Zeitalters diese Aspekt der Geschichte.
In der feudalen Gesellschaft des europäischen Mittelalters hatte Eigentum einen andere Bedeutung als heute. Jeremy Rifkin erläutert: „Aus der Sicht der Kirche hatte Gott die Erde geschaffen und den Nachkommen von Adam und Eva anvertraut. Er überließ den Menschen die Vergabe des Nießrechts über ein hierarchisches Lehenswesens, das von Kaisern über Könige und Adligen bis hinunter zum gemeinen Volk reichte.“ Das Entscheidende war nicht das Eigentum, sondern die Lehensbeziehung. Quelle: „Das Zeitalter der Resilienz“ von Jeremy Rifkin
Von Hans Klumbies
