Die Gesellschaft scheidet das Alte vom Modernen

Wie der Dichter und Denker Octavio Paz feststellt: „Jede Gesellschaft gründet sich auf einen Namen, ihren wahren Grundstein.“ Der Name teilt die Welt in zwei Hälften: Christen/Heiden; Muslime/Ungläubige; Wir und die Anderen. Alain Finkielkraut erklärt: „Unsere Gesellschaft macht da keine Ausnahme. Sie scheidet das Alte vom Modernen. Das ist das Gleiche, aber auch etwas ganz anderes. Wir sind die Ersten, die sich statt eines nicht zeitgebundenen Prinzips die Zeit und ihre Veränderungen als Universalideal ausgesucht haben.“ Unsere Zivilisation ist nicht statisch, sondern dynamisch. Sie steht nicht fest, sie geht voran, sie ist in Bewegung. Um es mit Ernest Renans Worten zu sagen: „Sie betrachtet alles unter der Kategorie des Werdens.“ Alain Finkielkraut gilt als einer der einflussreichsten französischen Intellektuellen.

Der Fortschritt hat sich zum unbeherrschbaren Zwang entwickelt

Kurz gesagt, sie versteht sich nicht als etwas, das ist, sondern als etwas, das wird: als einen Entwurf, das von René Descartes und Francis Bacon im 17. Jahrhundert formulierte Vorhaben, sich zum Herrscher und Besitzer der Natur zu machen, um Not und Leid der Menschheit zu überwinden. Dieses Unterfangen hat etwas Grandiosen und doch steht unsere Epoche diesen Ideen inzwischen illusionslos gegenüber. Was die Arbeit laut George Eliot jedoch so herrlich macht, ist die Mühe, die vereint unternommen wird, damit die Erde nicht länger ein Tal der Tränen ist.

Doch heute fleht die Erde um Erbarmen, und der Himmel macht, was er will. Alain Finkielkraut stellt fest: „Je leistungsfähiger die Technik, desto düsterer wird die Zukunft. Gestern noch eroberte uns der Fortschritt die Welt, heute wird er zum unbeherrschbaren Zwang. Alles funktioniert und läuft gleichzeitig aus dem Ruder.“ Alles hängt vom Menschen ab, selbst das Wetter, und nichts funktioniert so, wie er es will. Die Natur betritt die Bühne der Geschichte, und das ist keine gute Nachricht, denn die Lokomotive der Geschichte hat keinen Lokführer.

Die Menschheit entdeckt unfreiwillig die Tugend des Maßhaltens neu

Am 25. Juli 2019 titelte die Schweizer Tageszeitung „Le Temps“: „Der Mensch hat ein Klimamonster erschaffen.“ Mit anderen Worten, der Mensch macht das Wetter, aber diese Fähigkeit ist sein Verhängnis. Alain Finkielkraut erläutert: „Durch seine Absicht, die Schöpfung für sich in Besitz zu nehmen, hatte der Mensch der Moderne die Nachfolge des Prometheus angetreten, doch jetzt, da er Monster erschafft, denkt man eher an Frankenstein.“

Im Anfang war die Menschheit stolz darauf, gesetzte Grenzen mit einem beherrschten Schritt zu überwinden und – mit Victor Hugo – das Unmögliche als ständig zurückweichende Grenze zu betrachten. Alain Finkielkraut fügt hinzu: „Mittlerweile verdammt sie nach dem Vorbild der Antike ihre Hybris und entdeckt unfreiwillig die Tugend des Maßhaltens neu. Selbst die Fortschrittsgläubigen fragen sich, wie wir unsere Herrschaft beherrschen könnten, und bemühen sich, die Schäden des Fortschritts zu reparieren.“ Quelle: „Vom Ende der Literatur“ von Alain Finkielkraut

Von Hans Klumbies