Die Gelassenheit ist das entscheidende Ziel allen stoischen Bemühens

Das bekannte deutsche Wörterbuch, der Duden, erklärt den Begriff „stoisch“ mit „unerschütterlich, gleichmütig, gelassen.“ Als Beispiel nennt das Standardwerk: „Er ertrug alles stoisch, mit stoischer Gelassenheit.“ Gerhard Gleißner fügt hinzu: „Die Gelassenheit oder stoische Seelenruhe – altgriechisch ataraxia – ist das entscheidende Ziel allen stoischen Bemühens, sie führt uns zum glücklichen Leben. Die ataraxia ist der Lohn dafür wenn wir es schaffen, das Schicksal zu akzeptieren.“ Wem es also gelingt, alles, was kommt, gelassen zu ertragen, der ist ein guter Stoiker. Die stoische Seelenruhe leitet sich ursächlich vom stoischen Weltbild ab, das wiederum vom logos gestimmt wird. Der logos ist eine vernunftbetonte, göttliche Ordnung, die das ganze Universum durchdringt und funktionieren lässt. Dr. med. Gerhard Gleißner ist seit 2014 als Amtsarzt und Gutachter im öffentlichen Gesundheitsdienst tätig.

Friedrich Nietzsche legt den Menschen die Liebe zum Schicksal ans Herz

Menschen können sich frei entscheiden, mit ihrer Vernunft an der göttlichen Gesamtvernunft teilzuhaben und so den logos anzuerkennen. Gerhard Gleißner erklärt: „Das bedeutet konkret, wir respektieren die natürliche Ordnung/die Naturgesetze: Alles, was uns auf Erden zustößt, ist in Ordnung und im Plan des großen Ganzen vorgesehen; wenn wir es annehmen, akzeptieren wir unser Schicksal.“ Epiktet fasst diesen Sachverhalt meisterhaft zusammen: „Bitte nicht darum, dass die Dinge so geschehen, wie du es wünscht, sondern wünsche dir, dass sie so geschehen, wie es von Natur der Fall ist, dann wird es dir gut gehen.“

Der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche (1844 – 1900) hat in seiner autobiografischen Schrift „Ecce homo“ die Schicksalsabhängigkeit des Menschen nicht nur bestätigt, sondern er geht sogar noch weiter: „Meine Formel für die Größe am Menschen: Das Notwendige nicht bloß ertragen … Sondern es lieben.“ Friedrich Nietzsche legt uns damit die Liebe zum Schicksal ans Herz, er prägt das Schlagwort „amor fati“ – Liebe zum Schicksal. Als Teil der Natur sollen sich die Menschen auch an ihre Gesetze halten, eines davon ist der ständige Wandel.

Das Universum ist Wandel und das Leben eine Einbildung

Dem Vorsokratiker und griechischen Philosophen Heraklit (520 -460 v. Chr.) ist der Ausspruch zuzurechnen: „Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen“, „Pantha rhei“ – „Alles fließt“ ist der Oberbegriff seiner Lehre. Mark Aurel als letzter Vertreter der jüngeren Stoa bestätigt dies: „Das Universum ist Wandel, das Leben eine Einbildung.“ Gerhard Gleißner erläutert: „Dieses Bild vom Fluss bezieht sich auf den „Fluss“ unseres Lebens. Es besteht aus verschiedenen aneinandergereihten Situationen; sie bilden die Gegenwart ab, um dann in Sekundenbruchteilen zur Vergangenheit zu werden.“

Die verschiedenen aktuellen Ereignisse ergeben die Realität; die vergangenen Erlebnisse werden in der Summe zum Schicksal eines Menschen; beides muss man nach stoischer Auffassung annehmen, wie es ist – die Realität in der Gegenwart und sein Schicksal in der Vergangenheit. Gerhard Gleißner betont: „Dieser Zusammenhang hilft uns entscheidend, die Dinge zu erkennen, die wir nicht verändern können: Es sind alle Ereignisse, die uns gerade im Moment passieren und die kurz darauf zur Vergangenheit – und damit zu unserem Schicksal werden.“ Quelle: „Gesund leben mit dem Stoizismus“ von Gerhard Gleißner

Von Hans Klumbies