Angst und bange – die beiden Wörter hängen auch etymologisch zusammen. Die Brüder Grimm führen in ihrem Wörterbuch beide auf die Wurzel „eng“ zurück. Ulrich Grober erläutert: „Die Rede ist also von einem Gefühl der Beengung und Beklemmung. Es ist etwas, was sich auch körperlich ausdrückt, einem die Brust zuschnürt, das Blut in den Adern gerinnen lässt, den Blick zum Tunnelblick verengt – den Blick auf das eine angstbesetzte Phänomen.“ Im Extremfall fühlt man sich in die Enge getrieben wie das Kaninchen, das auf die Schlange starrt. Man gerät in Panik. Doch auch das Ideal der Furchtlosigkeit hat in unserer Kultur tiefe Wurzeln. So gut wie alle Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm handeln davon. Den Publizisten und Buchautor Ulrich Grober beschäftigt die Verknüpfung von kulturellem Erbe und Zukunftsvisionen.
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Passende Bücher bei Amazon findenMärchen sind Entwürfe von Glück
Gesammelt hat die Brüder Grimm diese zwischen 1815 und 1856. Ihre Zeit aber ist die Traumzeit, ihr Zauberwald die Wildnis des Unbewussten. Ulrich Grober erklärt: „Dort überwinden die kindlichen Heldinnen und Helden ihre Ängste, kämpfen mit Wölfen, Hexen und Unholden und gehen siegreich und gereift daraus hervor.“ Ein Märchen erzählt „von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen“. Oder ein Jüngling spricht zu einem Alten, der ihn dringend gewarnt hat: „Ich fürchte mich nicht, ich will hinaus und das schöne Dornröschen sehen.“
„Märchen sind Entwürfe von Glück“, schrieb der aus Wien gebürtige, 1939 in die USA emigrierte Psychoanalytiker Bruno Bettelheim. „Niemand, so wollen sie uns glauben machen, ist jemals in einer so ausweglosen Lage, dass er sie nicht meistern kann. Keine Hexe, kein Zauberer erweist sich am Ende als so mächtig, dass sie nicht zu Fall zu bringen wären.“ „Bange machen“ ist wohl eine Prägung Martin Luthers. Die volle Wucht des Wortes entfaltet Paul Gerhardts Passionslied „Oh Haupt von Blut und Wunden“, gedruckt zum ersten Mal 1656.
„Maß und Mitte“ hat eine hohe Bedeutung im chinesischen Denken
Angst und Enge liegen auch im Chinesischen dicht beieinander. Angst und Beklemmung sind wie Trauer, Zorn, ausgelassene Heiterkeit extreme Gefühle und verlangen nach Ausdruck. Ulrich Grober fügt hinzu: „Wer aber anhaltend darin verweilt, der schadet seiner Lebenskraft und dem harmonischen Miteinander. Daher die Bedeutung von „Maß und Mitte“ im chinesischen Denken.“ Auch die Mitte ist kein Dauerzustand, eher ein Pendeln, bedarf des Suchens und Ringens.
Einer der Wege aus dem Extrem führt, der chinesischen Medizin zufolge, über sein Gegenteil: Freude überwindet Trauer, Scham überwindet Zorn. Ulrich Grober stellt fest: „Eine neue Welle der Angst begann Anfang 2020. Eine Pandemie überzog, von der chinesischen Metropole Wuhan ausgehend, binnen kürzester Zeit den gesamten Planeten und stürzte die Menschheit in eine existenzielle Krise.“ Innerhalb von zwei Jahren, so schätzt die Weltgesundheitsorganisation, starben 15 Millionen Menschen im Zusammenhang mit Covid-19. Quelle: „Die Sprache der Zuversicht“ von Ulrich Grober
Von Hans Klumbies
