Wenn Kinder neue Erfahrungen suche und sich eine Reihe von Fertigkeiten aneignen, werden nur selten genutzte Neuronen und Synapsen abgebaut, während häufig benutzte Verbindungen gestärkt werden und besser funktionieren. Jonathan Haidt formuliert diesen Sachverhalt mit anderen Worten: „Die Evolution hat Menschen mit einer ausgedehnten Kindheit ausgestattet, damit sie Zeit genug haben, um das angesammelte Wissen ihrer Gemeinschaft zu erlernen – die Adoleszenz als eine Art kultureller Lehrzeit, bevor man als Erwachsener angesehen und gehandelt wird.“ Aber die Evolution hat nicht nur die Kindheit verlängert, um Lernen möglich zu machen. Sie hat auch drei starke Beweggründe installiert, Dinge zu tun, die Lernen leicht und angenehm machen: Motivationen für freies Spiel, Aufeinander-Eingehen und soziales Lernen. Jonathan Haidt ist Professor für Sozialpsychologie an der New York University. Seine Forschungsschwerpunkte sind die psychischen Grundlagen von Moral, moralische Emotionen und Moralvorstellungen in verschiedenen Kulturen.
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Passende Bücher bei Amazon findenFreies Spiel ist die Arbeit der Kindheit
In den Tagen der spielbasierten Kindheit war es üblich, dass die Kinder nach Schulschluss unbeaufsichtigt miteinander spielten, und zwar so, dass sie diese Motivationen befriedigen konnten. Jonathan Haidt kritisiert: „Beim Übergang zur smartphonebasierten Kindheit lockten die Designer von Smartphones, Videospielsystemen, sozialen Medien und anderen suchterzeugenden Technologien Kinder jedoch in die virtuelle Welt, wo sie diese Motivationen nicht länger ausleben und davon profitieren konnten.“
Freies Spiel ist die Arbeit der Kindheit, und alle jungen Säugetiere haben dieselbe Aufgabe: ihr Gehirn zu verdrahten, indem sie wild und möglichst oft spielen. Jonathan Haidt stellt fest: „Hunderte von Studien mit jungen Ratten, Tieraffen und Menschen zeigen, dass junge Säuger spielen wollen, spielen müssen und sozial, kognitiv und emotional Schaden nehmen, wenn sie nicht spielen können.“ Im Spiel erwerben junge Säuger die Fertigkeiten, die sich brauchen, um erfolgreiche Erwachsene zu werden, und sie tun dies so, wie es ihren Neuronen am liebsten ist.
Das Spiel ermöglicht die Ausbildung kooperativer Bindungen
Dabei handelt es sich um wiederholte Aktivitäten mit einem Feedback durch Erfolg und Misserfolg und in einer Umgebung, in der nicht viel auf dem Spiel steht. Haben sie diese grundlegenden Fertigkeiten erworben, gehen sie zu anspruchsvolleren Räuber-Beute-Spielen wie Fangen oder Verstecken über. Jonathan Haidt ergänzt: „Wenn sie noch älter werden, erhalten sie durch das Spiel mit Worten – Tratschen, Neckereien und Scherzen – einen Fortgeschrittenenkurs in sprachlichen Nuancen, nonverbalen Hinweisen und sofortiger Beziehungsreparatur, wenn etwas, das sie sagen, nicht die erwünschte Reaktion erzielt.
Mit der Zeit entwickeln sie die sozialen Fertigkeiten, die für das Leben in einer demokratischen Gesellschaft nötig sind, darunter Selbstkontrolle, gemeinsame Entscheidungsfindung und Akzeptanz des Ergebnisses, wenn man einen Wettstreit verloren hat. Peter Gray, Entwicklungspsychologe und führend in der Spielforschung, meint dazu: „Spiel verlangt das Unterdrücken des Triebs zu dominieren und ermöglicht die Ausbildung lang anhaltender, kooperativer Bindungen.“ Quelle: „Generation Angst“ von Jonathan Haidt
Von Hans Klumbies
