Die Evolution bringt grundsätzlich nichts Neues hervor

Fabian Scheidler weiß: „Selektion, welche Rolle sie in der Evolution auch spielen mag, bringt grundsätzlich nichts Neues hervor. Sie ist selbst nicht kreativ, sondern kann nur auswählen, was schon da ist.“ Die entscheidende Frage für das Verständnis der Evolution ist daher, wie Variation überhaupt zustande kommt. Wie entsteht Neues, und zwar auf eine Weise, welche die Entstehung der enormen Komplexität von Lebewesen erklären kann? Charles Darwin war sich schmerzhaft im Klaren darüber, dass er auf diese Frage keine Antwort hatte. Er nahm zunächst an, dass Variation ausschließlich durch zufällige Abweichungen zustande kommt, also vollkommen ungerichtet verläuft. Diese zufälligen Veränderungen würden sich gleichmäßig über die Zeit verteilen und so, in Kombination mit der Selektion, zu einem langsamen, graduellen Wandel von einer Art zur anderen führen. Der Publizist Fabian Scheidler schreibt seit vielen Jahren über globale Gerechtigkeit.

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Selbst das Auge entsteht durch eine schrittweise Entwicklung

Zwei Jahrzehnte später verwarf er diese Sichtweise jedoch als unbefriedigend und griff auf Jean-Baptiste de Lamarcks Idee von der Vererbung erworbener Eigenschaften zurück. Fabian Scheidler ergänzt: „Allerdings argumentierte nach Charles Darwins Tod der Zoologe August Weismann, dass eine Vererbung erworbener Eigenschaften unmöglich sei, weil die Keimzellen – also Ei- und Samenzellen – bei Tieren von den übrigen Zellen in der Regel isoliert sind.“

Die neodarwinistische Theorie im 20. Jahrhundert, die auf August Weismanns Arbeit aufbaute, kam daher auf die Vorstellung von sowohl zufälligen als auch gleichmäßigen Veränderungen zurück. Fabian Scheidler fügt hinzu: „Ab den 1930er-Jahren wurde diese Theorie durch die Erkenntnisse der Genetik zu sogenannten „Modernen Synthese der Evolutionsbiologie“ erweitert. Dass die Entstehung so komplexer Organe wie des Auges und des dazugehörigen Sehvermögens durch langsame, schrittweise Entwicklung zustande kommen soll, scheint zunächst wenig plausibel.

Manche Prozesse beruhen nicht auf kleinen graduellen Veränderungen

Inzwischen konnte die Forschung allerdings zeigen, dass sich tatsächlich eine kontinuierliche Entwicklung von einfachen lichtempfindlichen Flecken bei Einzellern über die Einstülpung fotosensibler Pigmentzellen in Mehrzellern bis zur Bildung von Linsen und Netzhaut zeigen lässt. Fabian Scheidler erklärt: „Während eine einfache, flache Ansammlung lichtempfindlicher Zellen einem Lebewesen nur etwas über die Lichtintensität mitteilen konnte, führten allmähliche Einbuchtung und Einstülpung dazu, dass auch die Lichtrichtung mit zunehmender Genauigkeit erkannt werden konnte.“

Graduelle Veränderungen können also durchaus zu komplexen Formen wie dem Auge führen – wobei das allerdings noch nicht bedeutet, dass diese Veränderungen zufällig sein müssen. Fabian Scheidler erläutert: „Die jüngere Forschung zeigt, dass evolutionär relevante Genomveränderungen oft nicht „blind“ verlaufen, sondern durch die selbstorganisierten Prozesse in der Zelle gelenkt werden.“ Darüber hinaus gibt es jedoch auch entscheidende Schritte, die nicht auf kleinen graduellen Veränderungen beruhen. Quelle: „Der Stoff aus dem wir sind“ von Fabian Scheidler

Von Hans Klumbies

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