Die Europäer schufen die Hölle auf Erden

Den Menschen ist es nie gelungen, den Himmel auf Erden zu errichten, auch – oder gerade – wen sie es versucht haben. Timothy Garton Ash weiß: „Dafür haben sie immer wieder die Hölle auf Erden geschaffen. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben die Europäer das ihrem eigenen Kontinent angetan, so wie sie es in früheren Jahrhunderten den Kontinenten anderer Völker angetan hatten. Niemand anderes hat es für uns getan.“ Es war europäische Barbarei, von Europäern begangen an Europäern – und oft im Namen Europas. Man kann erst dann ansatzweise verstehen, was Europa seit 1945 zu tun versucht, wenn man von dieser Hölle weiß. Timothy Garton Ash ist Professor für Europäische Studien an der Universität Oxford und Senior Fellow an der Hoover Institution der Stanford University.

Passende Buchempfehlung:

Dunkler Kontinent Mark Mazower

Auf Amazon ansehen

Zwischen 1939 und 1948 war Europa ein „Dunkler Kontinent“

Ein Toter ist eine Tragödie, eine Million Tote sind Statistik. Abgesehen davon, dass es schwierig ist, genaue Zahlen zu ermitteln, ist der Verstand von den Zahlen schnell betäubt. Timothy Garton Ash fragt: „Soll ich Ihnen sagen, dass in Bergen-Belsen in nur einem Monat, im März 1945, etwa 18.000 Menschen starben? Oder dass es am Ende des Krieges fast acht Millionen Zwangsarbeiter in Deutschland gab? Oder dass etwa 93 Prozent des Wohnraums in Düsseldorf nach der Bombardierung der Stadt durch die Alliierten unbewohnbar war?“

In seinem Buch „Dunkler Kontinent“ schätzt der Historiker Mark Mazower: „Insgesamt wurden in Europa zwischen 1939 und 1948 annähernd neunzig Millionen Menschen getötet oder vertrieben.“ Das bedeutet, dass man in etwa einen von sechs Europäern tötete oder vertrieb. Und damit ist man noch gar nicht bei den weiteren Millionen, die von Hunger und Krankheiten heimgesucht wurden, die zu Krüppeln, zu Armen, zu Witwen oder zu Waisen wurden.

Das Inferno hatte eine klare geografische Struktur

Vergewaltigungen, Folterungen und Zwangsprostitution gehörten zur Tagesordnung. Viele Menschen waren für ihr weiteres Leben psychisch gezeichnet – ganz zu schweigen von den Langzeitfolgen für ihre Kinder und Kindeskinder. Wie das Alte Testament feststellt, verfolgt man die Schuld der Väter an den Kindern „bis ins dritte und vierte Glied“. Dutzende Millionen Kinder in ganz Europa wuchsen nach 1945 ohne Vater auf, und ihre Mütter waren ohne Ehemann.

In der Hölle gab es verschiedene Kreise. Die Reichen hungerten in der Regel nicht, doch adlige Herkunft schützte nicht vor Armut. Je nach Zeitpunkt war es besser, Deutscher oder Ungar zu sein als Franzose oder Niederländer, dann wieder umgekehrt. Aber in der Regel war es schlimmer, Slawe zu sein, und noch schlimmer war es, wenn man Roma oder Jude war. Timothy Garton Ash stellt fest: „Das Inferno hatte eine klare geografische Struktur. Wer sich in einem neutralen Land wie der Schweiz, Schweden oder Irland aufhielt, entging den schlimmsten Schrecken.“ Quelle: „Europa“ von Timothy Garton Ash

Von Hans Klumbies

Schreibe einen Kommentar