Vor allem die Erwerbsarbeit ist ein kolossaler Zeitfresser

Das Titelthema des neuen Philosophie Magazins 02/2026 versucht eine Antwort auf die Frage zu finden: „Wem gehört meine Zeit?“ Chefredakteurin Svenja Flaßpöhler schreibt im Editorial: „Die naheliegende Antwort lautet: Meine Zeit gehört mir. Wem sonst? Dass es aber so einfach nicht ist, zeigt sich jeden Tag, sobald Ansprüche und Notwendigkeiten an den zur Verfügung stehenden 24 Stunden nagen, bis kaum noch etwas übrig bleibt. Vor allem die Erwerbsarbeit ist ein kolossaler Zeitfresser.“ Je älter wir wird, desto stärker haben wir gesellschaftliche Leistungsimperative verinnerlicht, verwechseln sie gar mit unseren eigenen Wünschen. Die Entfremdungsprozesse, die der Mensch als funktionstüchtiges, leistungsorientiertes Gesellschaftswesen durchläuft, wurden in der Philosophie vielfach beschrieben. Etwa von Jean-Jacques Rousseau, der die vergiftenden Einflüsse der Zivilisation hervorhob und forderte, Kinder tunlichst von Konkurrenzgehabe und narzisstischer Anerkennungssucht zu schützen.

Nicole Mayer-Ahuja fordert eine 30-Stunden-Woche für alle

Zunehmend wird die Forderung laut, dass wir mehr arbeiten sollten. Doch an der Lebenswirklichkeit der meisten Beschäftigten geht das vorbei, argumentiert die Soziologin Nicole Mayer-Ahuja. Sie findet die Forderung nach einer „kurzen Vollzeit für alle“, zum Beispiel im Umfang von 30 Stunden, interessant. Kurze Vollzeit müsste die neue Normalarbeitszeit werden. Ein Arbeitsleben mit einer 30-Stunden-Woche wäre dann zum Beispiel der Maßstab für eine volle Rente.

Der Soziologe Andreas Reckwitz und die Schriftstellerin Juli Zeh debattieren über den Umgang mit Verlusten und wie wir die Zukunft zurückgewinnen können. Geopolitische Umbrüche, Krisen, Kriege: Die modernen Fortschrittserzählung funktioniert nicht mehr, so der Andreas Reckwitz in seinem aktuellen Buch „Verluste“. Juli Zeh hat eine andere Perspektive: Wir sind, so ihre These, viel zu verlustfixiert, um uns produktiv der Zukunft zuzuwenden.

Manchmal muss man auch mal „gegen die Regel“ handeln

Als Klassiker hat das Philosophie Magazin diesmal den Psychiater und Existenzphilosophen Karl Jaspers ausgewählt. Dieser sagt: „Es gibt kein Gutes ohne mögliches und wirkliches Böses, keine Wahrheit ohne Falschheit, Leben nicht ohne Tod; Glück ist an Schmerz gebunden, Verwirklichen an Wagen und Verlieren.“ Am eindringlichsten aber tritt die Widersprüchlichkeit allen Daseins und Durchleben von Grenzsituationen zutage, wenn uns Tod, Leid, Kampf, Zufall und Schuld als etwas Unvermeidbares und Undurchdringliches entgegentreten.

„Situation und Konstellation. Vom Verschwinden des Spielraums“ heißt das Buch des Monats. Geschrieben hat es der Soziologe Hartmut Rosa, der darin vor einer bürokratisierten Lebenswelt warnt und dafür plädiert, Spielräume zurückzugewinnen. Er verweist auf das brasilianische Konzept des „Jeitinho“, bei dem Regeln situativ suspendiert werden, um Probleme flexibel und kreativ zu lösen. Im letzten Kapitel entwickelt Hartmut Rosa philosophisch-aktionistische Denkanstöße, um den „Konstellationismus“ in seine Schranken zu weisen. Dafür sei die Bereitschaft zum Handeln auch mal „gegen die Regel“ nötig.

Von Hans Klumbies