Die erste Form der Freiheit ist die Souveränität

Die deutsche Philosophin Edith Stein brachte während des Ersten Weltkriegs ihren eigenen Körper ein. Timothy Snyder erklärt: „Als Doktorandin ließ sie sich beurlauben, um sich freiwillig als Krankenschwester zu melden. Als sie wieder zu ihrer Doktorarbeit zurückkehrte, bestimmte die Erfahrung mit den Verwundeten ihre Abhandlung für die Einfühlung.“ „Ist nicht“, so fragte sie, „die Vermittlung des Leibes notwendig, um uns der Existenz eines anderen zu versichern.“ Statt vom „Körper“ sprach Edith Stein vom „Leib“. Die erste Form der Freiheit ist, wie Timothy Snyder zeigen möchte, die Souveränität. Eine souveräne Person kennt sich und die Welt in ausreichendem Maße, um Urteile über Werte abzugeben und diese Urteile verwirklichen zu können. Timothy Snyder ist Professor für Geschichte an der Yale University und Permanent Follow am Institut für die Wissenschaft vom Menschen in Wien.

Die eigene Objektivität hängt von der Subjektivität anderer ab

Für Edith Stein erlangen wir Wissen über uns selbst, wenn wir andere anerkennen. Nur wenn wir erkennen, dass andere Menschen in der gleichen Lage sind wie wir, dass sie in den gleichen Körpern leben wie wir, können wir ernst nehmen, wie sie uns sehen. Timothy Snyder ergänzt: „Wenn wir uns mit ihnen so identifizieren, wie sie uns sehen, verstehen wir uns selbst so, wie wir es sonst nicht könnten. Mit anderen Worten: Unsere eigene Objektivität hängt von der Subjektivität anderer ab.“

Die Dinge so zu sehen sind wir nicht gewöhnt. Wir stellen uns vor, dass wir Informationen nur für uns selbst, als isolierte Individuen, aufnehmen können. Wir glauben, wenn wir allein sind, seien wir frei. Dieser Irrtum stellt sicher, dass wir es nicht sind. Timothy Snyder erläutert: „Das Wort „Leib“ verschafft uns einen neuen Standpunkt. Das Deutsche kennt für das englische „body“ zwei Wörter, „Körper“ und „Leib“. „Körper“ kann den Körper eines Menschen bezeichnen, aber auch einen „Fremdkörper“, einen „Himmelskörper“, den „Volkskörper“ oder andere Objekte, von denen angenommen wird, dass sie physikalischen Gesetzen unterliegen.“

Die Mitte eines Leibes hat Edith Stein als „Nullpunkt“ bezeichnet

Ein „Körper“ kann lebendig sein, muss es aber nicht – man denke an den Leichnam. Wie Edith Stein sagt: „Ein nur äußerlich wahrgenommener Leib würde immer nur ein besonders gearteter, ja einzigartiger Körper sein, aber nie mein Leib.“ Timothy Snyder fügt hinzu: „Das Wort „Leib“ bezeichnet einen lebenden menschlichen Körper oder einen tierischen Körper oder den Körper eines fantastischen Wesens in einer Geschichte.“ Ein „Leib“ ist ein „Körper“, physikalischen Gesetzen unterworfen, aber das ist nicht alles.

Er hat seine eigenen Regeln und damit seine eigenen Möglichkeiten. Ein „Leib“ kann sich bewegen, ein „Leib“ kann fühlen, und ein „Leib“ hat seine eigene Mitte, die sich unmöglich im Raum präzise verorten lässt und den Edith Stein als „Nullpunkt“ bezeichnet. Wir können immer nur etwas von unserem „Leib“ sehen, nie den ganzen. Unsere Lebendigkeit wird geteilt. Wenn wir eine andere Person als „Leib“ und nicht als „Körper“ begreifen, sehen wir die ganze Welt anders. Quelle: „Über die Freiheit“ von Timothy Snyder

Hans Klumbies