Die Digitalisierung verändert den Menschen und die Welt

Die Digitalisierung aller Lebensbereiche ist mit einer Wucht und Geschwindigkeit über die Menschheit hereingebrochen wie keine andere Erfindung zuvor. Eva Menasse stellt fest: „Sie verändert sich und uns immer weiter, beständig nur in ihrem lawinenhaften Charakter. Gerade weil die Rechenleistungen sich dauernd multiplizieren, ist unabsehbar, was als Nächstes kommt.“ Das Internet ist ja keine Erfindung allein, sondern eine ganze Serie von seit Jahrzehnten ineinandergreifenden, aufeinander aufbauenden technischen Errungenschaften. So als hätten sich, wie in einem guten Skript, viele geniale Tüftler verabredet, um gemeinsam etwas zu schaffen, das die Welt noch einmal neu aufsetzt. Und das ist gelungen. Jetzt, im Nachhinein , könnte man die Zeitpunkte markieren, als die einzelnen Bestandteile aneinander andockten und einander fortschrieben, als die Entwicklungen einander schwindelerregend beschleunigten. Die Romane der österreichischen Schriftstellerin Eva Menasse sind vielfach ausgezeichnet worden.

Das Internet erlangte Eigenschaften einer Naturgewalt

Als sich die Knoten formten und verbanden wie die Myzele unter dem Waldboden, als Triebe sprossen und aufeinander zustrebten. Nicht zufällig heißt es „Netz“. Eva Menasse fügt hinzu: „Es umspannt nicht nur den Planeten, sondern verbindet seine menschlichen Bewohner in einem viel weiter reichenden Ausmaß als alle alten Netze, die bloß äußerlich Schienen, Strom- und Telefonleitungen an den Erdball legten.“ Denn es durchdringt die Bewohner inzwischen auch.

Zu seinen physisch-technischen Ausformungen hat es psychologische, sozilogische, ja metaphysische Aspekte gewonnen. Und sogar naturhafte. Eva Menasse erläutert: „Es ist so schnell gewachsen, es wucherte über seinen eigenen frühen Konstruktionsfehler so eilig und blindlings hinweg, dass es dadurch Eigenschaften einer Naturgewalt erlangte.“ Die ersten Fehler erzwangen so viele Improvisationen, dass inzwischen niemand mehr korrigierend eingreifen kann. Um es noch einmal neu und besser, mit dem heutigen Wissensstand aufzubauen, ist es schon lange zu spät.

Das Internet kann man heute nicht mehr von innen prüfen

Die Menschen können deshalb, einer Art digitalem Urknallchaos geschuldet, nicht mehr auf den Grund ihrer eigenen Kreation schauen. Sie hat sich unter ihren Händen wieder verschlossen. Das Ergebnis ist, dass man das Internet heute nicht mehr von innen prüfen kann. Sondern man muss es so behandeln, als wäre es ein Teil der Natur. Eva Menasse ergänzt: „Wir müssen es erforschen, als wäre es ein unbekannter Kontinent, obwohl wir selbst es geschaffen haben.“

Das Internet mag als Werkzeug gedacht gewesen oder es in Teilen noch immer sein. Eva Menasse weiß: „Aber eine Fähigkeit, an der vorab niemand einen Nachteil hätte erkennen mögen, hat unter den Menschen enorme Verheerungen angerichtet: die digitale Massenkommunikation.“ Nichts hat innerhalb von Jahren menschliches Leben und Verhalten so massiv verändert. Niemand kann sich seinen Auswirkungen entziehen, alle agieren heute grundlegend anders als noch vor fünfzehn Jahren. Quelle: „Alles und nichts sagen“ von Eva Menasse

Von Hans Klumbies