Die Deutschen werden immer friedlicher und gesetzestreuer

Das Moralparadox hat verschiedene Gründe, das man in allen politischen Lagern beobachten kann. Philipp Hübl ergänzt: „Worin die Menschen allerdings moralische Dekadenz vermuten, hängt von den Werten ab, die sie hochhalten. Konservative und Traditionalisten überschätzen beispielsweise die Entwicklung der Kriminalität.“ So glauben 45 Prozent der AfD-Wähler, die Zahl der Verbrechen nehme in Deutschland zu. Im Rest der Bevölkerung glauben das nur knapp 15 Prozent. Tatsächlich werden die Deutschen immer friedlicher und gesetzestreuer. Gewalt und Verbrechen gehen kontinuierlich zurück, wenn auch nicht linear und zwangsläufig, wie unter anderem der Krieg in der Ukraine zeigt. Während sich Traditionalisten um die Kriminalität sorgen, hat das progressive Lager seit etwa zehn Jahren den Rechtsruck als Bedrohung auserkoren. Philipp Hübl ist Philosoph und Autor des Bestsellers „Folge dem weißen Kaninchen … in die Welt der Philosophie“ (2012).

Die meisten Deutschen sind liberal und tolerant

Wenn mit „Rechtsruck“ der Erfolg rechtspopulistischer Parteien gemeint ist, die inzwischen in fast allen europäischen Parlamenten sitzen, dann stimmt die Diagnose. Philipp Hübl fügt hinzu: „Man kann auch den Brexit und die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten im Jahr 2016 zu diesem Phänomen hinzuzählen. Meint man mit „Rechtsruck“ jedoch, dass die Menschen in den letzten Jahren insgesamt mehr fremdenfeindliche und nationalistische Einstellungen vertreten haben, dann ist die Diagnose falsch, denn das Gegenteil ist geschehen.“

Tatsächlich wurde in den Industrieländern nur eine kleine Gruppe reaktionär. Die Mehrheit ist liberaler und weltoffener als jemals zuvor. Und selbst der rechte Rand ist heute immer noch deutlich linker als vor 30 Jahren. Seitdem hat es eine positive Entwicklung gegeben. Philipp Hübl erklärt: „Laut dem „World Value Survey“, der größten weltweiten Untersuchung von Werten, sind die Deutschen so offen, liberal und tolerant wie niemals zuvor in den letzten 25 Jahren.“

Auf der ganzen Welt ist ein moralische Fortschritt zu beobachten

Auch die Taten sprechen eine klare Sprache. Politisch motivierte Gewalt ist in den letzten 30 Jahren zurückgegangen. Die subjektiven Erfahrungen deuten ebenfalls darauf hin, dass die Lage weniger dramatisch ist, als die öffentliche Diskussion vermuten lässt. Philipp Hübl stellt fest: „Noch überraschender sind die Ergebnisse, wenn man nicht Arbeitgeber, Wohnungsbesitzer oder Lehrer, sondern die Gesamtbevölkerung nach der „Wärme“ fragt, die sie gegenüber ihren Mitbürgern empfinden.“

Deutsche empfinden gegenüber weißen Mitteleuropäern weniger Wärme als gegenüber Menschen mit anderen Hautfarben und Hintergründen. Außerdem vertrauen die Menschen in Deutschland ihren Mitbürger mehr, als sie es jemals taten, und es ist ihnen so wichtig wie nie zuvor, für andere da zu sein und sich ehrenamtlich zu engagieren. Philipp Hübl betont: „In fast jeder messbaren Hinsicht kann man moralischen und sozialen Fortschritt beobachten, nicht nur in Deutschland, sondern auf der ganzen Welt.“ Quelle: „Moralspektakel“ von Philipp Hübl

Von Hans Klumbies