Die Demokratie spricht dem Volk die Macht zu

„Hat das Volk immer Recht?“ Dieser Frage und den möglichen Antworten darauf widmet sich das Titelthema des neuen Philosophie Magazins 06/2026. Es geht dabei um den verfassungsrechtlichen Kern der Demokratie, die dem Volk die Macht zuspricht und genau deshalb von vielen Philosophen der Geschichte mit größter Skepsis betrachtet wurde. „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus.“ Doch wer genau ist eigentlich dieses „Volk“, von dem die Geschicke des Landes wie auch jedes Einzelnen abhängen sollen. Zunächst einmal ist ein Volk nicht mehr und nicht weniger als eine heterogene Masse an Menschen, zusammengeschlossen zu einem Kollektiv qua Staatszugehörigkeit. Chefredakteurin Svenja Flaßpöhler stellt fest: „Dass diese Masse aus sich selbst heraus vernünftig agiert und das Beste für das Land will – was auch immer das konkret heißen will –, ist eine Annahme, die erst einmal wenig Plausibilität besitzt.“

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Er erfülltes Leben besteht in Selbstbestimmung und Eigenverantwortlichkeit

Der wahre Grund für die missliche politische Situation, in der sich die Bundesrepublik heute befindet, ist die tiefe Entfremdung von politischer Elite und Bevölkerung. Svenja Flaßpöhler erkennt in dieser Tatsache drei grundlegende Probleme. 1. Wer latent oder offen als unmündig und verführbar adressiert wird, geht gar nicht mehr davon aus, als Lösungsfindungen ernsthaft beteiligt zu werden. 2. Eliten haben ein klar erkennbares Interesse daran, sich als Entscheider und Bezähmer ins Spiel zu bringen. 3. Die verfassungsrechtliche Volkssouveränität ist zwar qua Wahlrecht gegeben, sollte am besten jedoch nur unter strenger Aufsicht erfolgen. Wenn das Volk sich falsch entscheidet, muss eingeschritten werden.

Auf die Frage „Sollen wir Freunde vor Fehlern bewahren?“ antwortet John Stuart Mill (1806 – 1873): „Nein, bloß nicht eingreifen.“ Denn selbst in engen Freundschaften überschätzen wir unsere Fähigkeit, beurteilen zu können, was wirklich gut für den anderen ist. Und auch wenn Eingriffe nicht so oft im Unglück enden würden: Ein erfülltes Leben besteht nicht nur aus guten Gefühlen, sondern in Selbstbestimmung und Eigenverantwortlichkeit. Es ist daher besser einen unglücklichen Freund zu haben als einen glücklichen, dem die Freiheit genommen wurde.

Macht durchzieht auch Institutionen und soziale Beziehungen

In der Rubrik „Klassiker“ geht es diesmal um Michel Foucault. In seinen frühen Werken untersucht der französische Philosoph, wie Aussagen überhaupt den Status von Wissen erlangen. In „Die Ordnung der Dinge“ (1966) führt er den Begriff der „Episteme“ ein: historisch spezifische Bedingungen, die bestimmen, was in einer Epoche als Wissen zählt. Ab den 1970er-Jahren richtet Michel Foucault sein Interesse verstärkt auf die Funktionsweise von Macht. In „Überwachen und Strafen“ (1975) zeigt er, dass Macht nicht allein vom Staat ausgeht, sondern gesellschaftliche Institutionen und soziale Beziehungen überhaupt durchzieht. Sie wirkt vor allem durch Disziplinierungspraktiken, Prüfung und Normierung, die Individuen zur Selbstkontrolle anhalten.

Das Buch des Monats stammt von Jill Lepore und trägt den Titel „Die Regierung der Maschinen“. Wenn die Autorin den „Aufstieg und Fall des Künstlichen Staates“ untersucht, geht es dabei keineswegs nur um die neuesten Erfindungen kalifonischer Tech-Konzerne. Seit dem frühzeitlichen Verwaltungsstaat greift jede effiziente Regierung auf das Zahlen- und Maschinenwissen ihrer Epoche zurück. Wie kann nun heutzutage eine „demokratische Lenkung von Technologie“ gelingen anstelle „der technologischen Lenkung der Demokratie“? Jill Lepores Fazit ist überraschend zuversichtlich: „Das kann immer noch passieren.“

Von Hans Klumbies