Die Debatten über die Wirtschaftspolitik haben sich verändert

In der heutigen amerikanischen Politik kreisen die ökonomischen Auseinandersetzungen um zwei Erwägungen: Wohlstand und Fairness. Michael J. Sanel erklärt: „Welche Steuerpolitik, Haushaltsvorschläge oder Regulierungspläne die Leute auch bevorzugen mögen – gewöhnlich setzen sie sich für etwas ein, weil die Maßnahmen zum Wirtschaftswachstum beitragen oder die Einkommensverteilung verbessern.“ Die Menschen behaupten, ihre Politik würde den Kuchen der Wirtschaft vergrößern, die Kuchenstücke fairer verteilen oder beides zusammen. Diese Rechtfertigung von Wirtschaftspolitik ist vielen Menschen so vertraut, das es aussehen könnte, als seien die Möglichkeiten damit erschöpft. Doch die Debatten über Wirtschaftspolitik waren nicht immer auf Größe und Verteilung des Nationalprodukts fokussiert. Michael J. Sandel ist ein politischer Philosoph. Er studierte in Oxford und lehrt seit 1980 in Harvard. Er zählt zu den weltweit populärsten Moralphilosophen.

Thomas Jefferson lehnte Manufakturen im großen Maßstab ab

In der amerikanischen Geschichte befassten sie sich oft auch mit einer anderen Frage: Welche wirtschaftlichen Regelungen wirken sich am günstigsten auf die Selbstverwaltung aus? Michael J. Sandel weiß: „Zusammen mit Wohlstand und Fairness haben die zivilgesellschaftlichen Folgen der Wirtschaftspolitik im politischen Diskurs Amerikas oft eine große Rolle gespielt.“ Thomas Jefferson verlieh dem zivilgesellschaftlichen Aspekt der ökonomischen Auseinandersetzung seinen klassischen Ausdruck.

In seinen „Betrachtungen über den Staat Virginia“ (1787) sprach er sich dagegen aus, im großen Maßstab inländische Manufakturen zu entwickeln, weil die agrarisch geprägte Lebensweise rechtschaffene Bürger hervorbringe, die gut für die Selbstverwaltung geeignet seien. Thomas Jefferson schreibt: „Jene, die mit dem Erdboden arbeiten, sind das erwählte Volk Gottes, die Verkörperung wahrer Tugend.“ Die politischen Ökonomen Europas könnten behaupten, dass jedes Land für sich selbst produzieren sollte, doch Manufakturen im großen Maßstab würden die Unabhängigkeit untergraben, die für die republikanische Bürgerschaft notwendig sei.

Thomas Jefferson besaß mehr als 600 versklavte Afro-Amerikaner

Thomas Jefferson fährt fort: „Abhängigkeit führt zu Willfährigkeit und Käuflichkeit, schnürt dem Keim der Tugend die Luft ab und schafft geeignete Werkzeuge für die Ränke des Ehrgeizes.“ Michael J. Sandel stellt fest: „Dass Jeffersons Lob diejenigen, die mit dem Erdboden arbeiten, als rechtschaffene republikanische Bürger pries, stand in starkem Gegensatz zu dem Arbeitssystem, das seine Plantage in Monticello am Laufen hielt.“ Obwohl der die Sklaverei im Allgemeinen beklagt, besaß er während seiner Lebenszeit mehr als 600 versklavte Afro-Amerikaner.

Sie bestellten sein Land, dienten in seinem Haus und arbeiteten in seiner Nagelfabrik. Michael J. Sandel erläutert: „Angesichts des Systems rassischer Unterordnung, das sie vom öffentlichen Leben ausschloss, konnte sie die Arbeit – ob gelernt oder ungelernt –, zu der sie gezwungen wurden, kaum in die Lage versetzen, Bürger zu sein.“ Wie Thomas Jeffersons wohlklingende Worte in der Unabhängigkeitserklärung drückte seine politische Ökonomie der Bürgerschaft ein Ideal aus, das weit von seiner Lebensführung entfernt war. Quelle: „Das Unbehagen in der Demokratie“ von Michael J. Sandel

Von Hans Klumbies

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