Bettina Schulte erklärt: „Bis in heutige Studien über den Neid gilt die Unterscheidung zwischen einem „gutartigen“ und „bösartigen“ Neid: zwischen einer Antriebskraft, die den Neider dem Beneideten nacheifern lässt, und einer krebsartig wuchernden allmählichen Zerstörung des anderen, dessen Besitz, Schönheit, Gesundheit, Intelligenz, Ausstrahlung, Energie, Liebes- und/oder Familienglück man an seiner Statt begehrt.“ Der Philosoph Friedrich Nietzsche (1844 – 1900) hat in seiner Schrift „Genealogie der Moral“ aus dem bösartigen Neid gleich eine ganze Philosophie des „Ressentiments“ entwickelt: Die christliche Moral entsteht für ihn „aus einer Rachsucht, die jene befällt, die glauben, unverdient in einer schlechten Lage zu sein, denen gegenüber, die sich als stark, erfolgreich und mächtig präsentieren.“ Die Kulturjournalistin Bettina Schulte promovierte über Heinrich von Kleist und war mehr als zwanzig Jahre leitende Redakteurin im Feuilleton der Badischen Zeitung.
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Aktuelle Angebote zu "Die christliche Moral entsteht für Friedrich Nietzsche aus einer Rachsucht"
Passende Bücher bei Amazon findenMan könnte Neid durch Gerechtigkeitssinn ersetzen
Die Vertreter und Anhänger dieser verwerflichen, aus niedersten Neid-Instinkten geborenen „Sklavenmoral“ sähen, schreibt Friedrich Nietzsche, ihren „letzten, feinsten, sublimsten Triumph“ darin, „ihr eigenes Elend, alles Elend überhaupt, den Glücklichen ins Gewissen zu schieben: so dass diese sich eines Tages ihres Glücks zu schämen begännen und vielleicht untereinander sich sagten, es ist eine Schande glücklich zu sein! es gibt zu viel Elend!“ Menschen, die aus dem Ressentiment leben, passt die Opferrolle wie angegossen.
Statt zuzugeben, dass man neidisch ist, inszeniert man sich als jemanden, dem unverschuldet Übles widerfahren ist. Bettina Schulte fragt: „Aber gibt es vielleicht auch legitime Gründe dafür, den Reichen, Mächtigen, Erfolgreichen ihren Reichtum, ihre Macht, ihren Erfolg zu neiden?“ Wobei Neid dann als moralisch imprägnierter Begriff das falsche Wort wäre. Man könnte es durch „Gerechtigkeitssinn“ ersetzen – dann könnte Neid dafür sorgen, dass es auf der Welt gerechter zuginge. Schön wäre es.
Ungleichheit kann den gesellschaftlichen Frieden in Gefahr bringen
Alle Philosophen, Theoretiker, Psychologen unterscheiden zwischen dem subjektiven und kollektiven, dem sozialen Neid. Bettina Schulte fügt hinzu: „Zwischen dem Neid, der konkret auf des nächsten Hab und Gut zielt, und dem Neid, der in der Gesellschaft herrscht zwischen denen, die wenig oder nichts besitzen und denen, die viel besitzen.“ Und der den gesellschaftlichen Frieden, die Balance zwischen den verschiedenen Gruppierungen, in Gefahr bringen kann.
Im krassesten Fall führt das materielle Ungleichgewicht zu Aufstand und Revolution. Der Soziologe Helmut Schoeck hat als erster den Neid in den Mittelpunkt einer gesellschaftlichen Analyse gestellt. 1966, zwei Jahre vor der Studentenrevolte, die als 68er-Bewegung in die Nachkriegsgeschichte eingegangen ist, erschien seine bis heute auf diesem Gebiet bahnbrechende Studie „Der Neid und die Gesellschaft“. Bettina Schulte weiß: „Der 1922 in Granz geborene Helmut Schoeck war keineswegs ein Linker. Im Gegenteil. Sein Buch erteilt allen Gleichheitsvorstellungen eine Absage.“ Quelle: „Neid“ von Bettina Schulte
Von Hans Klumbies
