Für das Verstehen sozialer Konflikte ist die Unterscheidung zwischen Sachebene und Beziehungsebene fundamental. Reinhard K. Sprenger geht davon aus, dass seinen Lesern diese bekannt ist. Deshalb beschränkt er sich auf das Wesentliche: „Die Beziehungsebene dominiert immer die Sachebene! Wenn Sie auf der Beziehungsebene – nonverbale Signale, Wortwahl, Kontaktzeit et cetera – nicht mindestens neutral bis positiv sind, haben Sie auf der Sachebene nicht den Schatten einer Chance, verzerrungsfrei rüberzukommen.“ Es mag dann sein, dass Sie etwas schon hundertmal gesagt haben – der andere hat es auch hundertmal nicht gehört. Bis zu diesem Punkt ist noch nichts über das Gelingen von Kommunikation ausgesagt, noch nichts über das Verstehen, schon gar nicht über das Einverstandensein. Reinhard K. Sprenger, promovierter Philosoph, ist einer der profiliertesten Führungsexperten Deutschlands.
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Auf Amazon ansehenKonfliktbewältigung ist keine Frage der Technik
Verstehen ist nämlich im Kern ein Verstehen-Wollen, kein sprachliches Phänomen. Wenn man sich einigen will, wird man dafür Mittel und Wege finden. Wenn nicht, sollte man jede Sachfrage nutzen, um das jeweilige Beziehungsangebot abzulehnen. Reinhard K. Sprenger erklärt: „Belastungen auf der Beziehungsebene werden dann nicht angesprochen, sondern auf der Sachebene in endlosen Fachdebatten ausagiert. Im Grunde diskutieren Sie nicht die Sache, sondern sich. Das ist der Grund, warum manche Meetings so lange dauern, wie sie dauern.“
Konfliktbewältigung ist mithin keine Frage der Technik, keine Frage des „Wie“. Es ist eine Frage der gewollten Beziehung. Reinhard K. Sprenger ergänzt: „Und sie wirkt wie ein großes Plus oder Minus vor der Konflikt-Klammer. Wenn Sie den anderen wertschätzen, wenn Sie ihm vertrauen, ihn vielleicht sogar mögen, dann werden Sie den Punkt finden, der sie gemeinsam weitermachen lässt.“ Wenn nicht, haben Sie ein viel grundsätzlicheres Problem. Denn auch wenn der springfluthafte Streit verebbt ist, bleiben unliebsame Reste auf dem Trockenen zurück.
Ein Neubeginn ist ein Zeichen von Souveränität
Reinhard K. Sprenger fügt hinzu: „Körner der Bitterkeit, Vorwürfe, Missachtungen. Selbst wenn der Konflikt entschieden und insofern formal beigelegt ist – zum Beispiel durch das Eingreifen der Hierarchie –, sind die Spannungen auf der Beziehungsebene nicht wirklich substanziell abgebaut, schafft sich der Konflikt neue Anlässe.“ Dann steht das Zusammenbleiben, -leben oder -arbeiten grundsätzlich infrage. Dann muss man prüfen, ob und wie viel gemeinsame Zukunft man erwartet.
Sollten Sie sich mit einer ersten Ärgerreaktion vergaloppiert haben, versuchen Sie, schnell wieder auf die Sachebene zu kommen. Durchaus auch mit einer einleitenden Bemerkung: „Sorry, ich habe mich da verrannt. Ich will noch einmal neu beginnen.“ Das ist keine Schwäche. Vielmehr wird man es Ihnen als Zeichen von Souveränität gutschreiben. Sie öffnen die Möglichkeit für eine neue Chance, für konstruktive Diskussion. Reinhard K. Sprenger rät: „Machen Sie jedoch nicht den Fehler, andere aufzufordern, wieder auf die Sachebene zurückzukehren.“ Quelle: „Magie des Konflikts“ von Reinhard K. Sprenger
Von Hans Klumbies
