Die Arbeiterklassen waren nicht die Totengräber des Kapitalismus

Der Triumph des Konsumkapitalismus und das Ausbleiben von ernsthaften Wirtschaftskrisen, die seine Zukunft während der 1950er und 1960er Jahre womöglich noch hätten gefährden können, brachten mit sich, dass Marxisten wieder einmal ihre Philosophie überdenken mussten. Stuart Jeffries weiß: „Vor allem erkannte Herbert Marcuse, dass das Proletariat nicht mehr dem entsprach, was Karl Marx und Georg Lukács in ihm gesehen hatten.“ Karl Marx hatte eine Revolution der Arbeiterklasse vorausgesagt, weil diese die absolute Negation der bürgerlichen Ordnung präsentierte. Das Problem war nur: Die Revolution hatte nie stattgefunden. Die Arbeiterklassen in den fortgeschrittenen westlichen Industriestaaten waren zwischen den 1920er und 1960er Jahren sicherlich nicht zu den Totengräbern des Kapitalismus geworden. Stuart Jeffries arbeitete zwanzig Jahre für den „Guardian“, die „Financial Times“ und „Psychologies“.

Der Marxismus hatte sich noch nicht überlebt

Herbert Marcuse stellt in seinem Buch „Reason and Revolution“ fest, zentral für die Marxsche Idee des Sozialismus seinen „die Reife der inneren Widersprüche des Kapitalismus und der Wille zu ihrer Abschaffung gewesen“. Stuart Jeffries ergänzt: „Ohne ersteres fehle letzterem die Dringlichkeit. Steigende Lebensstandards, zumindest in entwickelten Ländern, hatten die Arbeiterklasse für eine Revolte zu behäbig gemacht.“ Allerdings bedeutete steigender Lebensstandard in den Arbeiterklassen des fortgeschrittenen industrialisierten Westens nicht automatisch, dass der Marxismus sich überlebt hatte.

Jürgen Habermas sagte später einmal, dass es eine falsche Interpretation des Marxismus sei, die Emanzipation der Gesellschaft lediglich in ökonomischen Begriffen zu fassen. Lange vorher hatte Herbert Marcuse in „Reason and Revolution“ formuliert: „Der Marxsche Begriff der Verelendung schließt das Bewusstsein der geknebelten Anlagen des Menschen und der Möglichkeit ihrer Verwirklichung, das Bewusstsein der Entfremdung und Entmenschlichung ein.“ Diese Form der Verelendung aber war mit steigenden Lebensstandards durchaus vereinbar.

Die Menschen erkennen sich in ihren Waren wieder

Stuart Jeffries erläutert: „So gefasst standen Armut und größerer materieller Wohlstand in einer positiven und nicht, wie man eigentlich erwarten würde, konträren Beziehung zueinander.“ Herbert Marcuses These lief faktisch darauf hinaus, dass diejenigen, die im reichen Westen lebten, eigentlich die Ärmsten waren. Und sie waren nicht nur arm, sondern nahezu psychisch krank. Herbert Marcuse schrieb: „In einer eindimensionalen Gesellschaft begreifen wir uns fälschlich als Gebrauchsgüter. Die Menschen erkennen sich in ihren Waren wieder; sie finden ihre Seele in ihrem Auto, ihrem Hi-Fi-Empfänger, ihrem Küchengerät.“

In der hegelschen Subjektphilosophie, auf die sich Herbert Marcuse stützte, lagen die Dinge anders. Das hegelsche Subjekt ist sowohl Sein an sich als auch Sein für sich. Letzteres ist es in dem Ausmaß, als es ein seiner selbst bewusstes Subjekt ist. Nämlich fähig, seien Energien und Möglichkeiten durch Handlung, weniger durch Kontemplation und Konsum, zu entwickeln. Das Subjekt offenbart seine Natur, indem es seine Fähigkeiten an der objektiven Welt zur Geltung bringt. Quelle: „Grand Hotel Abgrund“ von Stuart Jeffries

Von Hans Klumbies

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