Die Psychologin Susan David sagt: „Unwohlsein ist der Eintrittspreis für ein bedeutungsvolles Leben.“ Um diese Aussage und die dahinterstehende Biologie besser nachvollziehen zu können, lohnst sich für Maren Urner ein Blick auf die „Mutter aller vermeintlich negativen Emotionen“: die Angst. Warum haben wir Angst? Maren Urner meint nicht die Angst, dass die Frisur nicht richtig sitzt oder ob man im richtigen Moment das Falsche sagt. Sondern existenzielle Angst. Eine Angst, die zur Panik führen kann. Die einem die Kontrolle über den eigenen Körper entzieht. Evolutionsbiologisch gefragt: Warum hat sich Angst als Verhalten durchgesetzt? Das ist nur möglich, wenn ihr eine nützliche – im Sinne von überlebensförderliche – Aufgabe zukommt. Dr. Maren Urner ist Professorin für Medienpsychologie an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (HMKW) in Köln.
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Passende Bücher bei Amazon findenEs gibt zwei Arten von Angst
Denn sonst hätten wir Angst, ähnlich anderen unnützen Eigenschaften wie Ganzkörperbehaarung, bereits hinter uns gelassen. Aus dem einfachen Grund, weil sich „Individuen mit Angst“ weniger erfolgreich fortgepflanzt hätten als „Individuen ohne oder mit geringer Angst“. Genau das Gegenteil ist jedoch der Fall. Maren Urner erklärt: „Unser Gehirn reagiert schneller, besser und intensiver auf alles Negative, weil genau das ein potenzielle Gefahr darstellt, wie wiederum unser Leben bedrohen kann.“
Die Affinität für alles Negative ist evolutionsbiologisch also sehr leicht nachvollziehbar. Maren Urner erläutert: „Denn die wichtigste Aufgabe unseres Gehirns besteht darin, uns am Leben zu halten. Oder noch drastischer formuliert: Wenn wir tot sind, hat alles andere keine Bedeutung mehr.“ Grob gesprochen können wir zwischen zwei Arten von Angst unterscheiden. Bei der ersten Art handelt es sich um ein akut wahrgenommene Gefahr. Die Löwin in der Savanne, der SUV am Zebrastreifen, die Säge in bedrohlicher Nähe zum Finger.
Die Menschheit hat sich in eine kapitale Notlage katapultiert
Die zweite Angst hat mehr mit uns als soziale Wesen und weniger mit einer direkten Lebensbedrohung zu tun. Maren Urner fügt hinzu: „Auf den ersten Blick erscheint sie vielleicht irrationaler als die erste, deren Zweck mit dem direkt verbundenen Lebensdrang leicht nachzuvollziehen ist. Doch keineswegs.“ Maren Urner nähert sich dieser zweiten Art der Angst immer gern an, indem sie Menschen nach dem Erfolgsrezept der eigenen Spezies befragt. Die Zyniker fragen gern zurück: Welches Erfolgsrezept?
Ja, auch Maren Urner fällt es nicht leicht, die planetare Notlage auszublenden, in die sich die Menschheit in vergangenen Jahrzehnten katapultiert hat. Lassen wir das aber für einen Moment zu und schauen auf die Entwicklung unser Spezies mithilfe von ein paar Zahlen, lässt sich ein gewisser Erfolg nicht ignorieren. Exemplarisch kann ein kurzer Blick auf die Entwicklung der Lebenserwartung herhalten. Die hat sich in Deutschland in den letzten 150 Jahren circa verdoppelt. So betrug die durchschnittliche Lebenserwartung 1871/81 von Frauen 38,5 Jahre und von Männern 35,6 Jahre. Aktuell liegt sie für Frauen bei 82,8 Jahren und für Männer bei 78,1 Jahren. Quelle: „Radikal emotional“ von Maren Urner
Von Hans Klumbies
