Martin Mulsow schreibt: „Der globale Ausgriff mit seinen Unwägbarkeiten war eine Ursache des Umstand, dass neuzeitliches Wissen von fernen Welten oft fragil gewesen ist. Wissen ist im Transfer zwischen Ost und West, Nord und Süd verlorengegangen, entweder ganz buchstäblich, oder es hat sich verändert und ist zugleich attraktiv und marginal geworden.“ Wieder wurde auch die Referenz unscharf: Worum handelt es sich eigentlich? Was ist neu, was ist alt an einer Sache? Wo steckt ihre Substanz? Für die Alchemie sind solche Fragen in mehr als einem Sinne essentiell. Alchemie ist eine Geheimwissenschaft und als solche immer im Licht der Entblößung bedroht. Doch geheimes Wissen reproduziert sich nur dann, wenn es verlässlich weitergegeben wird. Martin Mulsow ist Professor für Wissenschaftskulturen an der Universität Erfurt und Direktor des Forschungszentrums Gotha.
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Passende Bücher bei Amazon findenDie Radikalaufklärung war von allen Seiten angefeindet
Martin Mulsow hat in einem früheren Buch diese Perspektive auf Wissensverlust – und auf die Reaktionen, wie man mit drohendem Wissensverlust umgehen konnte – dazu benutzt, um neues Licht auf die sogenannte Radikalaufklärung zu werfen, eine intellektuelle Strömung im Europa des 17. und 18. Jahrhunderts, die von allen Seiten angefeindet war und deshalb im Untergrund operieren musste. Martin Mulsow erklärt: „Das hieß: keine Bücher drucken, nur Texte handschriftlich schreiben und verbreiten; keine Weitergabe des Wissens in Institutionen wie Schulen oder Universitäten, sondern nur Sprechen in kleinen Zirkel von Vertrauten, möglicherweise mit Decknamen, falschen Angaben und Verschleierungen.“
Wenn man diese Praktiken vor diesem Hintergrund ernst nimmt, so war Martin Mulsows These, dann lässt sich die Geschichte der Radikalaufklärung anders schreiben als nur durch eine Examinierung der Inhalte der Schriften – was ist radikal, was ist moderat –, denn man erhält eine Analyse von Habitusformen des Umgangs mit Wissensbedrohung, Formen, die quer zu sozialen Schichten und intellektuellen Vorlieben verlaufen. Martin Mulsow weiß: „Aber die Untergrundforschung ist nicht das einzige Feld, auf dem es Sinn macht, nach prekären Wissensformen zu fragen, nach einem Wissensprekariat und nach Bedeutungsverlust.“
Der kulturelle Code der Alchemie ist größtenteils verloren
Kollabieren die Bedingungen, unter denen alchemisches Wissen weitergegeben wird, droht ein kompletter Bedeutungsverlust, es verschwindet die ganze Wissenskultur. Martin Mulsow nennt ein Beispiel: „Selbst wenn die physische Existenz einer Kultur, sagen wir eines Indianerstammes in Nordamerika, nicht völlig vernichtet ist, kann der Verlust der alten Lebensweise, nachdem die Anpassung an europäische Lebensformen vollzogen ist, dass die alten Wortbedeutungen hohl und unverständlich werden.“
Der Philosoph und Psychoanalytiker Jonathan Lear hat das im „Radical Hope“ auf beeindruckende Weise für den Fall des Stammes der Crow um 1900 gezeigt. Der kulturelle Code der Alchemie ist größtenteils verloren. Aber in speziellen Fällen war er schon für die Zeitgenossen verloren, dann nämlich, wenn ein Geheimnis so gut gehütet war, dass außer einem kleinen Kreis niemand davon erfuhr. Das potenzierte sich in epistemischen Situationen der Verflechtung. Alchemisches Wissen, das in fernen Kontaktzonen entstanden ist, war doppelt bedroht. Quelle: „Überreichweiten“ von Martin Mulsow
Von Hans Klumbies
